435 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr.

Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Fühle mich gestärkt. Innerlich. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Josef ist wach. Ich höre ihn. Seine rauschende Josefatmung.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Herzfrequenz 134. Sauerstoffsättigung 96. Ich streichele Josefs Locken. Küsse seinen schönen Kopf. Seine Stirn.

Frage nach der Nacht. Josef war nur zweimal wach. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe, sagt die Schwester. Gut, sage ich. Gut. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Packe meine Sachen zusammen. Für das Seminar. Unterlagen. Tee. Einen Apfel.

Uli steht auf. Umarmt mich. Wir reden nicht. Sind still. Ich gehe noch einmal zu Josef. Nehme ihn in den Arm. Küsse ihn. Bis heute Abend, sage ich. Dann fahre ich mit dem Rad zum Bahnhof. Sitze im Zug. Der immer pünktlich kommt. Wie er das nur macht. Der Zug.

Die Welt gleitet an mir vorbei. Hat nichts zu tun. Mit mir. Diese Welt. Heute kommen die Großeltern. Die Großeltern und Ulis Schwester. Helfen. Ich werde nicht da sein. Mache Platz für ihre Hilfe.

Im Seminar. Ein Platz für mich wurde frei gehalten. Ein Platz für mich. Hier habe ich auch einen Platz. Das tut gut. Außerhalb von meinem Zuhause einen Platz zu haben. Nicht nur Mutter zu sein. Nicht nur.

Das Thema im Seminar. Rechtliche Rahmenbedingungen. Es zieht an mir vorbei. Rahmenbedingungen. Ein Rahmen, denke ich. Rahmen. Einrahmen. Ein Rahmen gibt Halt. Orientierung. Haben wir auch einen Rahmen, denke ich.

In der Pause rufe ich Uli an. Alles gut, sagt Uli. Alles gut. Klara ist bei den Freunden. Die Großeltern packen Kisten. Das Geschirr wird in Papier geschlagen und in Kisten gepackt. Teller um Teller.

Und Josef, frage ich. Josef? Die Schwester ist da, sagt Uli. Josef ist relativ entspannt. Gut, sage ich. Gut. Der Tag vergeht. Zieht vorbei. Dieser Tag. Uli holt mich ab. Steht vor der Tür.

Wir fahren los. Klara abholen. Von unseren Freunden. Sie bitten uns ins Haus. Zum Abschied. Wir können nicht lang bleiben, sagen wir. Wir wissen, sagen sie. Wir wissen.

Wir reden. Leise. Lachen etwas. Weinen. Dann auch. Umarmen uns. Sagen, lasst uns nicht aus den Augen. Wir dürfen uns nicht verlieren. Ja, sagen wir. Wenn ihr Hilfe braucht, sagen sie. Danke, sagen wir. Danke für alles. Klara kommt mit. Ist müde und erschöpft. Glücklich auch.

Zu Hause. Josef ist wach. Er ist angespannt. Sitzt in seinem Therapiestuhl. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Josef atmet schnell. Ich frage die Schwester, wie es war mit Josef. Er war entspannt.

Um 18.00 Uhr hat sich Josef nach vorn gekrümmt. Etwas gehustet. Ah, sage ich. Das kann er ja eigentlich gar nicht. Ja, sagt sie. Gewundert hat sie sich. Gut, sage ich. Gut. Wir werden ja sehen, sage ich. Was er noch zeigt. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich.

Wir essen zusammen Abendbrot. Es ist eng in unserer Küche. Ungewohnt. So viele Menschen. Zu Besuch. Josef ist angespannt. Er atmet schnell. Seine Augen sind weit offen. Ich messe seine Temperatur. 39.0. Ich gebe Josef ein Schmerzmedikament. Halte ihn. Kinderfernsehen wird geschaut. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an.

Ich halte Josef. Er streckt sich immer wieder. Seine Arme und Beine streckt er von sich. Dabei zittern sie leicht. Ich trage Josef. Küsse ihn. Könnten die Küsse doch helfen. Josef, mein Josef. Könnte er schreien, würde er schreien. So schreit er mit seinem ganzen Körper. Zittert leicht.

Josef, mein Josef. Ich höre dich. Mein Bär. Ich lege Josef auf meine Knie. Sammele seine Arme und Beine ein. Lege sie auf seinen Bauch. Kugel ihn. wie eine kleine Kugel, mein Josef. Ich küsse ihn. Immer wieder. Küsse. Mein Josef. Küsse. Uli ist bei seinen Eltern. Wir haben ja Besuch.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef ist immer noch unruhig. Herzfrequenz 153. Sauerstoffsättigung 91. Gegen 22.00 Uhr schläft Josef ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 131. Sauerstoffsättigung 95. Temperatur 37,6. Wir gehen alle ins Bett. Die Großeltern schlafen in Klaras Zimmer. Ich schlafe. Kaum.

Veröffentlicht am: 07. 02. 2019

❤️ Danke, dass du uns unterstützt!