436 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 1

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Bin unruhig. Angespannt und unruhig. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich Josef. Er atmet laut. Laut und angestrengt. Einatmen und Ausatmen.

Mir laufen Tränen. Josef, mein Josef. Kommst du mit? Was ist, wenn du stirbst? Hier bleibst? Bleiben wir dann auch hier? Einatmen und Ausatmen. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester.

Er ist blass. Mein Josef. Ganz blass. Er sieht müde und erschöpft aus. Krank. Krank sieht er aus, mein Josef. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Es geht ihm nicht gut, sagt sie. Josef hat Fieber. Alle drei Stunden hat sie ihm ein Bedarfsmedikament gegeben. Inhaliert. Abgesaugt.

Es tut mir leid, sagt sie. Schon gut, sage ich. Sage dann, du kannst doch nichts dafür, dass Josef krank ist. Ich hätte gern geholfen, sagt sie. Hast du doch, sage ich. Lächele. Streiche über ihren Arm. Ich küsse Josef.

Gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Einatmen und Ausatmen. Dann gehe ich wieder ins Wohnzimmer. Nehme Josef in den Arm. Küsse ihn. Sage, guten Morgen, mein Josef. Guten Morgen, mein Bär. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Uli kommt zu uns. Ist ganz müde. Wir reden leise. Sprechen über das Unaussprechliche. Was ist, wenn Josef stirbt? Jetzt. Einatmen und Ausatmen. Bleiben? Nicht bleiben? Josef, mein Josef. Einatmen und Ausatmen.

Josef atmet angestrengt und schnell. Ich inhaliere Josef. Sauge meinen Josef ab. Lege ihn über meine Knie. Er streckt sich. Es ist ihm unangenehm. Ich nehme ihn in den Arm. Seine Augen klappen immer wieder zu. Dann wird er wach. Als würde er sich erschrecken.

Die Großeltern kommen. Stehen auf. Uli bereitet das Frühstück vor. Ich bleibe mit Josef im Wohnzimmer. Klara schaut fern. Es ist ja Sonntag. Mein Herz zieht sich zusammen. Schmerzt. Sorgenschmerzen. Ich weine nach innen. Möchte mich nicht erklären für meine Tränen. Weine nur nach innen.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe ihr Josef. Sie inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Herzfrequenz 161. Sauerstoffsättigung 93. Uli ruft beim SAPV-Team an. Wir sollen inhalieren. Schmerzmedikamente geben. Alle drei Stunden. Gut, sagt Uli. Gut. Das machen wir.

Die Großeltern packen Klaras Zimmer zusammen. Dann fährt er mit ihnen in die neue Wohnung. Zu eng ist es gerade in unserer alten Wohnung. Zu eng für so viele Menschen. Josef ist wach. Die ganze Zeit. Seine Herzfrequenzen schwanken zwischen 140 und 160. Josef, mein Josef. Wo bist du? Mein Bär. Wo bist du?

Ich halte ihn. Habe das Gefühl, er entfernt sich. Von uns. Von mir. Er ist angespannt. Streckt sich. Seine Augen fallen zu. Dann sind sie wieder auf. Als würde er sich erschrecken. Ich lege ihn in sein Bett. Er beruhigt sich nicht. Ist in seiner Aufregung weit weg.

Mir laufen Tränen. Haben wir dich vergessen, mein Josef? Dich in unsere Pläne nicht einbezogen? Über dich hinweg? Und nun. Und nun, schwebst du davon? Josef, mein Josef.

Am Nachmittag sind Uli und seine Eltern wieder da. Packen die restlichen Sachen. Spüren Josefs Aufbruch nicht. Ich gebe Josef der Schwester. Bereite mit Klara ihre Schultasche vor.

Morgen ist ihr erster Schultag in der neuen Schule. Wir müssen sehr zeitig aufstehen. Mit dem Zug in die Stadt. Dann mit der S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahn fahren. Klara ist aufgeregt. Ich umarme sie. Küsse sie. Auf ihren Kopf. Muten wir dir zu viel zu, meine Klara? Muten wir Josef zu viel zu? Uns? Einatmen und Ausatmen.

Um 18.00 Uhr verabschieden wir die Schwester. Sie bekommt ein kleines Geschenk. Wie alle Schwestern. Als Dank für ihre Arbeit. Ich halte Josef. Uli holt Pizza aus unserem Haus.

Josef geht es schlechter. Immer schlechter. Seine Herzfrequenz steigt. Das Fieber. 39,9. Die Medikamente wirken nicht. Die Sauerstoffsättigung fällt. Uli gibt Josef Sauerstoff. 1,5 Liter.

Ruft beim SAPV-Team an. Die Ärztin ruft zurück. Sie sagt, was wir tun sollen. Schmerzmittel. Cortison. Inhalation. Notfallmedikament. Sauerstoff bis 2 Liter. Ein Antibiotikum. Josef übergibt sich. Uli saugt ihn ab. In der Küche. Unsere Gäste. Uli bringt Klara ins Bett. Macht ihr das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe Josef noch ein Beruhigungsmittel. Dann schläft er langsam ein. Herzfrequenz 129. Sauerstoffsättigung 97. Josef bekommt Sauerstoff. 2 Liter. Die Schwester telefoniert mit der Ärztin. Besprechen, was zu tun ist. Wir gehen ins Bett. Kein Schlaf.

Veröffentlicht am: 08. 02. 2019


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