5.30 Uhr, der Wecker klingelt.

Ich pumpe Milch ab. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester sitzt auf einem Stuhl neben dem Bett von Josef. Josef schläft ganz friedlich.

Ich frage nach der Nacht. Gegen Mitternacht war Josef für eine längere Zeit wach. Hatte viel Sekret. Die Herzfrequenz war bei 124 und die Sauerstoffsättigung bei 97. Die Milch und den Tee hat Josef gut vertragen. Dann wird Josef wach. Seine Atmung hört sich angestrengter an. Fast gepresst. Ich bereite die Inhalation vor. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Gebe der Schwester Josef zum Inhalieren.

Dann gehe ich in die Küche. Stelle die leeren Milchflachen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Ich setze Wasser auf. Für Kaffee und Tee. Decke den Frühstückstisch. Alles läuft ganz automatisch. Klara steht neben mir. Schiebt sich müde auf den Stuhl. Uli höre ich mit der Schwester im Wohnzimmer sprechen. Dann kommt er. Holt die Medikamente. Nun sind es mehr Medikamente, denke ich. Mehr als vor zwei Monaten. Ein Medikament gegen die Krämpfe, eines gegen den Bluthochdruck, eines für die bessere Atmung.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe. Sie macht es so gut, denke ich. Klara macht es so gut. Einatmen und Ausatmen. Uli hält Josef. Ich verabschiede die Schwester. Schlafen sie gut und bis heute Abend.

Uli, Josef und ich sitzen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Dann ziehe ich Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig, damit die Nasensonde nicht rausrutscht.

Das Telefon klingelt. Die Pflegedienstleitung ist dran. Sie sagt, die Nachtschwester kann nicht mehr kommen. Heute Abend noch einmal. Dann nicht mehr. Sie sagt, sie hat schon jemanden. Zur Überbrückung. Einen Springer. Nächsten Montag wird die Kollegin vorbei kommen. Den Dienstplan hat sie umgestellt, sagt sie. So dass kein Dienst ausfällt.

Danke, sage ich. Danke. Wissen sie, für die Nächte brauchen wir immer jemanden. Ich weiß, sagt sie. Wir bekommen das hin. Danke, sage ich. Danke. Einatmen und Ausatmen.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester von gestern. Josef liegt entspannt in Ulis Arm. Er schläft gerade wieder ein. Uli legt ihn vorsichtig in sein Bett. Die Schwester kommt umgezogen aus dem Bad. Sortiert ihre Dinge. Ich erzähle kurz von der Nacht. Sie hört zu. Scheint aber doch mit den Gedanken nicht wirklich da zu sein. Josef schläft. Ich mache mir in der Wohnung zu schaffen. Räume hier und dort. Sortiere mich. Einatmen und Ausatmen. Geduld einatmen.

Das Telefon klingelt. Der Sauerstoffmann. In einer halben Stunde ist er da. Gut, sage ich. Wir auch. Wir lachen. Josef wird wach. Ich höre es an seiner Atmung. Erkläre der Schwester wie es ist. Was dann zu tun ist. Inhalieren ist dann wichtig. Danach absaugen. Wir gehen den Inhalationsplan durch. Sie schlägt andere Medikamente vor. Die bei dem anderen Kind geholfen haben. Vielleicht hilft es auch Josef? Vielleicht. Das müssen wir besprechen.

Sie inhaliert Josef. Ich zeige ihr, wie sie ihn halten soll. Wie es für ihn gut ist. Sie sagt, bei dem anderen Kind war es anders. Ich merke wie ich mich innerlich anspanne. Wie ein Bogen.

Dann lasse ich sie sprechen. Über das andere Kind. Hoffe, sie kann sich entlasten. Sich dann besser einlassen auf unseren Josef. Sie erzählt von der langen Pflege. Davon wie genormt alles war. Einfuhr und Ausfuhr gemessen wurde. Wie sie viele Krisen gemeistert haben. Sie irgendwann gehört hat, wann sich wieder ein Infekt ankündigte. Sie dann schon genau wusste, was zu tun sei. Vor einem halben Jahr starb der Junge. Plötzlich. Tränen stehen ihr in den Augen. Soll ich sie jetzt trösten? Frage ich mich. Es fühlt sich schon wieder alles so verdreht an.

Es klingelt. Der Sauerstoffmann. Schnaufend hieft er mit der Sackkarre die Tonne die Treppen runter. Füllt sie auf. Dann schnauft sie wieder die Treppe rauf. Es ist schön ihn zu sehen. So vertraut. In zwei Wochen kommt er wieder, sagt er. Schön, höre ich mich sagen. Josef liegt im Arm der Schwester. Josef ist wach. Etwas angespannt. Ich sitze bei der Schwester. Erzähle von Josef. Auf was sie achten soll. Sie hört zu. Scheint aber nicht wirklich da zu sein.

Dann hole ich Klara aus dem Hort ab. Uli ist zu Hause. Ungern möchte ich die Schwester jetzt schon mit Josef allein lassen. Klara muss ich suchen. Sie spielt im Garten. Mit den Mädchen hinter dem Haus. Sie kommt mit mir mit. Heute gehen wir vorn lang. Sie hüpft und springt. Das ist schön. Zu Hause trinken wir Tee und Kakao. Essen Kekse. Die Schwester hält Josef. Hat ihn auf ihrem Schoß. Am liebsten würde ich Josef auf meinen Arm nehmen. Lasse ihn bei ihr. Sie muss ihn doch kennenlernen, meinen Josef. So viele Menschen müssen Josef kennenlernen. Manchmal bin ich müde davon.

Um 18.00 Uhr verabschiedet sich die Schwester. Uli bereitet das Abendbrot vor. Brot gibt es. Klara mault. Schon wieder Brot. Ich gebe Josef seine Abendmilch. Er ist aufgeregt. Mein Josef. Spürst du die Aufregung? Uli inhaliert Josef. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Ich lese Klara vor. Mache ihr das Hörspiel an. Wikie und die starken Männer. Josef liegt auf Uli. Bauch an Bauch. Das ist schön. Ich spüre meine Anstrengung. Das Gefühl, erst einmal geben zu müssen. Der Pflegekraft so viel geben zu müssen. Ich frage mich nur, woher nehmen. Woher nur nehmen.

Um 22.00 Uhr klingelt es. Die Nachtschwester. Uli legt den schlafenden Josef in sein Bett. Schaltet den Monitor ein. 132 Herzfrequenz. 93 Sauerstoffsättigung. Alles gut.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Stehe auf. Gehe in die Küche. Stelle sie in den Kühlschrank. Schaue nach Josef. Er ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Alles gut? Ja.