Ich werde um 5.50 Uhr wach.

Pumpe Milch ab. Es regnet nicht. Uli schläft. Ich stehe auf. Wasche mich. Packe mein Waschzeug ein. Ich wecke Uli. Dann packe ich meine Sachen. Zusammen gehen wir zu Josef. Vorher in den Gemeinschaftsraum. Einen Kaffee. Für jeden von uns.

Josef schläft noch. Uli setzt sich zu ihm. Ich bin zu unruhig. Heute ein großer Tag. Wir ziehen wieder nach Hause. Abschied vom Kinderhospiz. Ich packe leise Josefs Sachen zusammen. Dann wird Josef wach. Ich bereite die Inhalette vor. Uli schaltet den Monitor ab. Nimmt Josef vorsichtig aus seinem Bett. Hält ihn in seinem Arm. Ich küsse meinen Josef. Uli inhaliert Josef.

Ich gehe ins Pflegebad. Lasse Wasser in die Wanne laufen. Das Morgenbad. Das letzte Morgenbad hier, mein Josef. Dann ziehe ich Josef ganz vorsichtig aus. Damit die Nasensonde nicht rausrutscht. Ich streiche mit meinen Fingern über seine Augenbrauen. Küsse sie. Seine hellen schönen Augenbrauen. Uli lässt Josef ins Wasser gleiten.

Die Schwester kommt zu uns. Fragt, ob wir noch etwas brauchen. Ist bei uns. Irgendwie schaffen sie es hier, nicht immer gleich weg zu sein. Sondern ganz bei uns. Nein, wir brauchen nichts, sage ich. Danke, sage ich auch. Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne ihn vorsichtig ab. Küsse auf den Bauch und die Brust. Sein Herz spüre ich schlagen. Sein kleines Herz. Schön, jetzt ganz bei ihm zu sein. Trotz der inneren Unruhe. Ich öle Josef ein. Ziehe ihn vorsichtig an.

Dann gehen wir in den Gemeinschaftsraum zum Frühstück. Wir sind die Ersten heute. Beim Frühstück. Die Sonne schiebt sich durch die Wolken. Also wird es ein Maisonnendienstag. Ich lasse Josef seine Milch durch die Nasensonde fließen. Ganz langsam. Die Gäste werden gebracht. Die Eltern kommen. Pfleger und Schwestern. Alle versammeln sich um den großen Tisch. Die Therapeuten kommen. Schwärmen aus und verabreden sich mit den Gästen.

In Gedanken bin ich schon auf dem Weg nach Hause. Freudig und aufgeregt. Dann traurig. Abschied nehmen fällt mir schwer. Nach dem Frühstück schwärmen auch wir aus. Verabschieden uns. Mit all den Wünschen für jeden Einzelnen. Wir überreichen Schokolade als Dank. Uli packt die Sachen ins Auto. Bekommt Hilfe beim Tragen. Die Schwester übergibt uns die Pflegeüberleitung.

Dann fahren wir los. Ich sitze mit Josef auf der Rückbank. Josef in der Babyschale. Ich daneben. Mit der Absauge vor meinen Füßen. Um 11.00 Uhr sind wir zu Hause. Pünktlich. Wie angekündigt. Die Schwester und die Pflegedienstleitung stehen vor unserer Tür. Uli trägt Josef in unsere Wohnung.

Ein neuer Versuch, mein Josef, denke ich. Wir haben Energie und Stärke eingefangen, mein Josef. Wir haben sie gespeichert. Die Pflegedienstleitung ist freundlich. Wirkt ehrlich und authentisch. Die Schwester wirkt sehr aufgeregt. Ich finde es sympathisch. Die Aufregung gehört ja dazu. Uns geht es nicht anders. Die Pflegedienstleitung packt Handschuhe, Desinfektionsmittel, Mundschutz, eine Schutzbrille, ein Diensthandy und eine Pflegeakte aus.

Die Schwester hat Dienstkleidung an. Ein Shirt mit dem Logo des Pflegedienstes und eine Hose. Das ist mir neu. Einerseits finde ich es gut. So wird die Rolle klar. Sie ist die Krankenschwester. Andererseits finde ich es befremdlich. Sobald wir uns in der normalen Welt draußen bewegen, wird unsere Andersartigkeit noch einmal mehr sichtbar. Dann ist das so. Bloß nicht verstecken, denke ich.

Ich inhaliere Josef. Erkläre der Schwester. Sie hört zu. Dann ist sie plötzlich bei dem Kind, dass sie vor Josef gepflegt hat. Ihren Erfahrungen von damals. Ich habe das Gefühl, sie immer wieder zu Josef und uns holen zu müssen. Die Pflegedienstleitung überreicht uns ein kleines Geschenk für Klara. Dann verabschiedet sie sich. Spätestens zur gemeinsamen Teamsitzung werden wir uns sehen, sagt sie.

Uli geht dann los. Holt Klara vom Hort ab. Ich bleibe bei Josef. Möchte die Schwester nicht mit Josef allein lassen. Klara ist geschafft, als sie nach Hause kommt. Zieht sich in ihr Zimmer zurück. Freut sich über das Mitbringsel der Pflegedienstleitung. Ist auch traurig. Im Kinderhospiz war sie unbeschwerter, denke ich.

Um 18.00 Uhr verabschieden wir die Schwester. Ich fühle mich ausgelaugt. Hab so viel erzählt. Zugehört. Die Schwester gebremst. Immer wieder gesagt, das hier ist Josef. Zu oft war die Schwester im Gestern. Das wird, sage ich zu Uli. Das wird. Josef liegt in meinem Arm. Er ist wach. Ich küsse ihn. Sage, das wird, mein Josef. Das wird.

Uli bereitet das Abendbrot vor. Brot gibt es. Mit Käse und Wurst. Klara ist ganz still. Ich gebe Josef seine Abendmilch. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir halten uns fest. Aneinander. Nun sind wir wieder alle zu Hause. Ich mache ihr das Hörspiel an. Schlaf gut, meine Klara. Josef ist auf Uli eingeschlafen. Bauch an Bauch. Das ist schön.

Um 22.00 Uhr klingelt es. Die Nachtschwester. Sie wurde im Kinderhospiz eingearbeitet. Uli legt Josef vorsichtig ins Bett. Josef ist entspannt. Mein Josef ist entspannt. Wir stehen an Josefs Bett. Dann sagt die Schwester. Sie wird nur heute und morgen kommen. Sie ist krank. Es tut ihr leid. Der Pflegedienstleitung hat sie Bescheid gesagt. Einatmen und Ausatmen. Sie wirkt ganz beschämt. Schon gut, sage ich. Schon gut. Sie müssen bei sich sein. Das ist wichtig, sage ich auch. Frage, ob es wirklich geht. Jetzt. Diese Nacht. Ja, sagt sie. Auch morgen. Dann muss sie in die Klinik zur Therapie. Danke, sage ich. Für die Offenheit.

Einatmen und Ausatmen. Wir gehen ins Bett. Ich pumpe Milch ab. In meinem Bett sitzend pumpe ich Milch ab. Einatmen und Ausatmen. Hoffe, dass wir eine Lösung finden. Keine Wut. Sondern Hoffnung auf eine Lösung. Das wird, sage ich zu Uli. Das wird. Ja, sagt Uli. Schläft ein.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Stehe auf. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Alles gut? Ja, alles gut. Gehe in die Küche. Stelle die Milch in den Kühlschrank. Gehe ins Bett. Schlafe unruhig.