405 | Donnerstag, der 8. Januar 2015

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Herzfrequenz 139. Sauerstoffsättigung 93.

Ich frage nach der Nacht. Josef schlief fast durch, sagt sie. Gegen 4.00 Uhr war er kurz unruhig. Schlief nach dem Absaugen und Kuscheln wieder ein. Temperatur 36,7. Gut, sage ich. Gut. Freue mich. Sie hat mit Josef gekuschelt. Das ist schön.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Sagt, sie freut sich. Heute kommt die Familienbegleitung.

Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester hat Josef wieder in sein Bett gelegt. Er ist gerade eingeschlafen, sagt sie. Sie spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht. Josef schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Ich setze mich zu ihm. Auf das Sofa. Der Monitor ist aus.

Ich räume. Ziehe die Decke vom Sofa glatt. Packe neue Spritzen aus. Neue Adapter für die Spritzen. Damit sie auf den Ausgang der PEG passen. Spüle die Behälter von der Absauge aus. Wechsele sie. Lasse die gebrauchten Behälter ein wenig einweichen. Spüle die Schläuche von der Absauge aus. Wechsel die Maske von der Inhalette. Koche die gebrauchte Inhalette aus. Wie jeden Tag. Zwischendurch.

Manchmal spülen die Pflegekräfte die Behälter von der Absauge aus. Manchmal. Alle zwei Wochen werden die Filter ausgetauscht. Von der Absauge. Die Schläuche einmal in der Woche. Das übernehmen die Pflegekräfte. Haken es ab. In ihrer Akte. Uli schaut die Medikamente durch. Was muss wieder bestellt werden? Kochsalz brauchen wir immer.

Josef wird wach. Ich nehme ihn aus dem Bett. Inhaliere ihn. Sauge ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Mache ihm seine Augensalbe in die Augen. Damit sie nicht so trocken sind. Seine Augen. Kann ja nicht blinzeln, unser Josef.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe Josef langsam seinen Morgenbrei. Vorher lasse ich die Luft aus dem Bauchschlauch. Sein Bauch gluckert. Ein komisches Gefühl. Ein Schlauch im Bauch. Ein Loch im Bauch. Aus dem die Luft kommt. Die Luft. Die zu viel ist.

Uli telefoniert im Schlafzimmer. Macht Termine. Ich gebe Josef der Schwester. Uli und ich setzen uns in die Küche. Schließen die Tür. Sprechen. Über die Zukunft. Uli sagt, nächste Woche haben wir einen Termin mit einem neuen Pflegedienst. Mit der Hausverwaltung auch.

In der Grundschule hat er auch angerufen. Die Sekretärin sagt, wir können eine Flasche Sekt aufmachen. Zum Halbjahr ist ein Platz frei. Für Klara. Ein Kind ist weggezogen. Klara soll sich die Schule vorher anschauen. Für den 21.1. haben sie sich verabredet. Einatmen und Ausatmen.

In der Post finden wir die Mietverträge. Uli scannt sie ein. Schickt sie an Freunde. Schaut bitte, sagt er. Sind sie in Ordnung? Ja, so die Rückmeldung.

Ich rufe bei der Pflegekasse an. Frage nach Umzugskosten. Ein Antrag soll gestellt werden. Es dreht sich alles. Alles dreht sich. Uli steht fest. Fest auf dem Boden. Holt mich zurück. So schwindlig ist mir schon. Zwischendurch nehme ich Josef. Küsse ihn. Frage, Josef. Machen wir es so? Ziehen wir um?

Dann holen wir Klara ab. Sie kommt gleich mit. Hüpft und springt. Ihr kann es heute nicht schnell genug gehen.

Zu Hause. Tee. Kaffee. Kekse. Ich rufe bei der Pflegedienstleitung an. Sage, wir wollen umziehen. Sie sagt, sie spricht mit ihrem Vorgesetzten und mit den Pflegekräften. Ob sie mitkommen wollen. Wahrscheinlich nicht, sagt sie. Es ist zu weit. Nicht unser Einzugsgebiet.

Um 15.00 Uhr klingelt es. Die Familienbegleitung. Klara zieht sie in ihr Zimmer. Verschwunden sind sie. Einatmen und Ausatmen.

Um 16.45 Uhr ruft die Schwester. Josef liegt auf dem Wickeltisch. Atmet nicht. Ganz ruhig liegt er. Die Augen offen. Seine Lippen werden blau. Seine Augen gehen hin und her. Ich nehme ihn auf den Arm. Küsse ihn.

Josef, sage ich. Josef. Die Schwester saugt ihn ab. Dann atmet er. Mit einem lauten Seufzer. Sein Herz geht ganz schnell. Ich spüre es. Küsse ihn. Weine. Josef, mein Josef. Ich halte ihn. Lasse ihn nicht mehr los. Ist es dir zu viel, mein Josef? Sind wir zu schnell? Mit Allem? Vergessen wir dich? Bei unserer ganzen Planung? Wir verabschieden die Schwester. Der Schreck sitzt ihr in den Gliedern. Bis morgen sagt sie. Ganz leise. Einatmen und Ausatmen.

Josef, mein Josef. Das Atmen nicht vergessen. Die Familienbegleitung geht. Sagt, sie kommt auch nach unserem Umzug. Bleibt bei uns. Abendessen. Kinderfernsehen. Josef schläft erschöpft. Was war das? Josef, was war das nur? Uli bringt Klara ins Bett. Liest. Macht. Hörspiel an. Einatmen und Ausatmen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef ins Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 92. Wir bleiben sitzen. Bei Josef. Eine lange Weile. Sind still.