404 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

, Zu Hause 1

Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Höre die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Wenn alles nach Plan läuft, dann ist doch alles gut. Erwische ich mich. Erwische mich beim Denken. Einatmen und Ausatmen. Ich wasche mich.

Gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester legt Josef wieder in sein Bett. Er ist gerade wieder eingeschlafen, sagt sie. Ich frage sie nach der Nacht. Josef war nur kurz unruhig. Temperatur 36,6. Die Herzfrequenz ging kontinuierlich runter, sagt sie. Bis auf 106. Gut, sage ich. Gut. Krämpfe? Nein, sagt sie. Es waren keine Krämpfe sichtbar.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Einatmen und Ausatmen. Eine richtige Erleichterung stellt sich bei mir nicht ein.

Klara kommt. Kuschelt. Kurz. Schiebt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Uli höre ich im Wohnzimmer mit der Schwester sprechen. Ich setze mich zu Klara. Sie soll doch nicht allein frühstücken. Nicht allein gelassen werden, unsere Klara.

Uli kommt in die Küche. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Uli und ich setzen uns zu Josef. Sind still. Miteinander. Jeder bei sich. Bei Josef. Was hat das zu bedeuten, mein Josef? Dein Fieber? Josef schläft. Atmet. Atmet seinen Josefatem.

Ulis Telefon klingelt. Der Makler. Sagt, der Eigentümer ist mit uns einverstanden. Den Mietvertrag sendet er uns zu. Die Provision sollen wir dann überweisen. Wenn wir den Vertrag unterschreiben haben. Bitte.

Ja, sagt Uli. Wenn wir unterschrieben haben. Was hat das zu bedeuten? Die Wohnung. Sollen wir umziehen, Uli? Kommt Josef noch mit? Einatmen und Ausatmen.

Josef wird langsam wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich schalte den Monitor aus. Küsse ihn. Frage, Josef, was meinst du? Ziehen wir um? Wir zusammen? Wer weiß, sagst du? Wer weiß?

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz langsam und behutsam. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Etwas weniger davon. Tee. Medikamente. Temperatur 36,8. Ich halte Josef in meinem Arm. Lege ihn mir dann über die Knie.

Um 12.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 133. Sauerstoffsättigung 93. Ich frage die Schwester, ob wir sie allein lassen können. Für eine Stunde. Wir wollen einkaufen. Okay, sagt sie. Wir sind nicht weit weg, sage ich. Ruf uns an. Wenn was ist. Okay, sagt sie. Noch einmal.

Uli und ich fahren los. Zum Einkauf. Im Auto sprechen wir. Wie in einer Glocke. Niemand hört uns. Nur wir zwei. Falls wir umziehen. Klara muss umgeschult werden. Neuer Pflegedienst oder selbst organisiert über das persönliche Budget. Neue Physiotherapeutin. Neue Logopädin. Alles neu. Alles neu. Schaffen wir das? Schaffen wir das denn?

Einatmen und Ausatmen. Noch haben wir nicht den Mietvertrag. Noch haben wir ihn nicht. Beim Einkauf treffen wir Niemanden. Im Anschluss holen wir Klara ab. Sie kommt ungern im Auto mit. Mag es nicht. Das Autofahren.

Zu Hause. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Sie erzählt. Die Physiotherapeutin war da. Die Lunge ist frei. Josef hat gut mitgemacht. Sie hat den Eindruck, Josef hat Bauchschmerzen. Sie hat ihm ein Kirschkernkissen warm gemacht und den Bauch massiert. Dabei hatte er Flatulenzen. Temperatur 37,3. Gut, sage ich. Gut. Das klingt doch gut. Kein Fieber. Freie Lunge.

Es gibt Tee. Kakao und Kaffee. Kekse auch dazu. Ich nehme Josef. Die Schwester verabschiedet sich. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege mir Josef auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Sein Bauch auf meinen Beinen. Er schläft ein. Ich bleibe mit ihm sitzen.

Uli bereitet das Abendbrot zu. Kartoffeln. Bratkartoffeln. Klara hat es sich gewünscht. Wir essen zusammen. Ich gebe Josef langsam den Abendbrei. Tee. Medikamente.

Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Meine Aufmerksamkeit ist ganz bei Josef. Ich messe seine Temperatur. 37.1. Alles gut, denke ich. Bin trotzdem angespannt. In meiner Erwartungsangst.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef schlummert ein. Ich halte ihn. In meinem Arm. Meine ganze Aufmerksamkeit ist bei ihm.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 89. Die Schwester saugt Josef ab. Sauerstoffsättigung 93. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 07. 01. 2019


"Bezahle, so viel du möchtest" ist eine Idee, die wir schon lange haben. 673 Tage, die wir mit Josef erlebt haben. Wir verschenken Texte und Bilder, Tag für Tag. Du kannst zurückschenken! Groß-, Mittel-, Klein- und Kleinstbeträge, alles hilft!

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

❤️ Mehr darüber, wie du uns unterstützen kannst.