648 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

, Kinderhospiz

Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Schalte ihn aus. Setze mich auf das Bett. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Ach. Die Katze.

Ich stehe auf. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Gehe ins Bad. Wasche mich. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Wir setzen uns an den Küchentisch. Uli kommt dazu.

In meinem Kopf. Heute. Termine. Ich merke, wie Josef in den Hintergrund tritt. Sobald er etwas stabil ist. Sich die Termine. Vermeintliche Verpflichtungen. Andere Menschen. In den Vordergrund schieben. Ich merke, ich bin nicht wirklich bei Josef. Bei mir. Mehr bei den Anderen. Ich fühle mich taub. Irgendwie taub.

Wir gehen los. Zusammen. Klara in die Schule. Wir ins Kinderhospiz. Josef schläft noch. Er liegt in seinem Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 95. Alles gut, denke ich. Ach. Ach.

Die Schwester kommt. Sagt, gegen Mitternacht hatte Josef Sekretprobleme. Danach schlief er ganz entspannt. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Wie schön er doch ist. Mein Josef.

Uli holt Kaffee aus dem Gemeinschaftsraum. Wir sitzen bei Josef. Warten. Reden leise. Über die Termine. Heute. Planen. Wir planen wieder. Josef schläft. Er ist sediert. Bekommt drei Krampfmedikamente. Ein Beruhigungsmittel. Schwebt. Schwebt und schwebt.

Wir planen. Dennoch. Deshalb. Ich weiß es nicht. Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Uli Inhaliert. Saugt ab.

Ich lasse das Wasser ein. Ziehe Josef aus. Ganz vorsichtig. Küsse ihn immer wieder. Küsse, mein Josef. Küsse. Mein Schwebejosef. Uli badet Josef. Ob er es genießt? Josef? Wir wissen es nicht. Schon lange nicht mehr.

Ich trockne Josef ab. Küsse. Öle ihn ein. Ziehe Josef an. Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Gäste kommen. Pfleger. Schwestern. Eltern. Es piept. Rauscht. Klopfen der Spritzen an die Tischkante.

Ich halte Josef. Meinen Schwebejosef. Wo bist du mein Bär? Wo? Dann haben wir einen Termin. Mit dem Sozialarbeiter. Josef bleibt bei der Schwester. Wir setzen uns in den Garten. Ich vertraue ihm. Kann mich zeigen. Wir können uns zeigen. Ohne das Gefühl, bewertet zu werden. Eingeordnet. Abgestempelt.

Er ist behutsam. Mit uns. Und direkt. Er weiß, er braucht uns nicht schonen. Wir wissen um Josef. Wir wissen.

Er sagt, Josef kann gern bleiben. Wir haben es hier besprochen. Mit den Pflegekräften. Den Ärzten. Der Pflegedienstleitung. Josef kann gern bleiben. Er wird sterben. Einatmen und Ausatmen.

Heute. Bin ich vorbereitet. Innerlich. Auf diesen Satz. Er wird sterben. Heute schnürt er mich nicht zu. Der Satz. Ihr könnt ihn immer zu euch nehmen, sagt er. So, wie es für euch gut ist. Wir tragen alles mit.

Mir laufen Tränen. Weil ich berührt bin. Davon. Wir tragen Alles mit. Und ich weiß, es stimmt. Ich, sage. Danke. Josef. Ich spüre es. Er muss nach Hause. Noch einmal. Wenn es nicht funktioniert. Zu Hause. Dann. Dann bleibt er im Kinderhospiz. Dann machen wir es so.

Uli nimmt meine Hand. Gut, sagt der Sozialarbeiter. Wir halten den Platz für Josef frei. Danke, sage ich. Danke, sagt Uli. Dann. Plaudern wir. Ein wenig. Lösen das Gespräch auf. Lachen. Ein wenig.

Josef schläft. Wir haben einen Termin. Eine Frau kommt. Sie forscht über Physiotherapie in der Häuslichkeit. Sie interviewt uns. Das Gespräch dauert zwei Stunden. Josef, mein Josef. Er schläft. Schläft. Schläft.

Am Nachmittag hole ich Klara vom Hort. Sie möchte noch mit ihrer Freundin auf den Spielplatz. Die Mutter sagt, sie passt auf. Danke, sage ich. Gehe ins Kinderhospiz.

Josef schläft. Schläft. Schläft. Uli legt ihn in den Rehabuggy. Wir gehen spazieren. Meine Augen sind auf Josef gerichtet. Mein Herz schmerzt. Zieht sich zusammen. Macht mich schwer.

Er wird sterben. Da ist dieser Satz, vor dessen Wirkung ich mich nicht schützen kann. Der in mir hallt. Wie eine Gewissheit. Von der ich behaupte, sie zu haben. Diese Gewissheit. Das Wissen darum. Das Spüren. Das Spüren der Veränderung. Das Lösen von Erwartungen. Das Ablösen davon.

Nicht das Ablösen von Josef. Nein. Das Ablösen von Erwartungen. An die Zukunft. An Stabilität. An mehr Zeit miteinander. Davon löse ich mich. Lösen wir uns. Nach und nach. Planen. Nicht mehr so fordernd. Verbissen. Wir lösen uns von den Forderungen an Josef. Lassen ihn. Lassen ihn sein. So sein. Nehmen ihn an. Einatmen und Ausatmen.

Wir holen Klara vom Spielplatz ab. Erzählen ein wenig mit der Mutter. Gehen nach Hause. Mit Josef. Essen zusammen Abendbrot. Josef bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wir schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Sie liest.

Wir bringen Josef ins Kinderhospiz. Ich lege ihn ins Bett. Uli gibt der Schwester Bescheid. Gehen nach Hause. Klara schläft schon. Schauen fern. Gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 08. 09. 2019


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