437 | Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Kinderhospiz

Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 95. Er bekommt Sauerstoff. Einen Viertelliter. Fast nichts mehr.

Ich frage die Schwester nach der Nacht. Sie sagt, Josef schlief durch. Temperatur 36,7. Er ist stabil sagt sie. Einatmen und Ausatmen. Josef kommt mit, denke ich. Mein Josef kommt mit. Ich küsse ihn. Ganz vorsichtig auf seinen Kopf.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe ins Schlafzimmer. Wecke Klara. Sie ist müde. Sehr müde. Uli steht auf. Wir trinken Kaffee. Klara Tee. Sie hat noch keinen Hunger.

Uli fährt uns zum Bahnhof. Dann fahren wir mit dem Zug. In die Stadt. Auf dem Bahnhof kaufe ich Klara ein Croissant. Zum Frühstück. Dann fahren wir mit der S-Bahn. U-Bahn. Straßenbahn.

Laufen zur Schule. Ich bringe Klara in den Klassenraum. Sie wird herzlich empfangen. Ich drücke sie. Küsse sie. Wünsche ihr einen guten Tag. Sage, wir holen dich ab. Nachher. Dann fahre ich wieder mit der Straßenbahn. Der U-Bahn. S-Bahn. Zug. Laufe in unsere alte Wohnung.

Es ist 9.30 Uhr. Uli hält Josef in seinem Arm. Das Umzugsunternehmen ist schon da. Trägt langsam die Kisten in die Autos. Josef ist schon umgezogen. Uli gibt ihm seinen Morgenbrei. Inmitten des Umzuges.

Ich packe die Josefsachen zusammen. Trage sie ins Auto. Uli trägt seinen Sohn. Dann fahren wir los. Schnell. Damit Josef sicher ist. Im Kinderhospiz. Wir uns sicher fühlen. Ulis Eltern bleiben in unserer Wohnung. Kommen später nach. Mit den Umzugsmenschen.

Um 11.30 Uhr sind wir im Kinderhospiz. Werden herzlich empfangen. Ganz herzlich. In Josefs Zimmer liegt ein Zettel. Darauf steht: Willkommen Josef. Willkommen, denke ich. Wie schön. Wir sind willkommen. Mir laufen Tränen. Vor Rührung und Erleichterung.

Wir bleiben in Josefs Zimmer. Uli sortiert die Sachen. Stellt die Absaugen hin. Die Inhalette. Den Monitor. Die Medikamente. Holt den Therapiestuhl aus dem Auto. Ich halte meinen Josef. Er ist entspannter. Deutlich entspannter. Die Ärztin kommt. Untersucht Josef. Schreibt Medikamente auf.

Wir sind still. Reden dann. Ich sage, ich dachte schon, Josef kommt nicht mit. Dachte. Dachte. Wir können ihn nicht mehr halten. Unseren Josef. Dachte und fühlte, sage ich. Wir waren so beschäftigt. In den letzten Wochen. Hatte das Gefühl, er entgleitet mir. Mein Josef. Verschwindet. Weiß nicht mehr, wo er ist.

Ich bin erleichtert, sage ich. Wir sind hier. Sind sicher. Können uns wieder zuwenden. Unserem Josef. Ich kann mich wieder zuwenden, weil ich mich sicherer fühle. In der unmittelbaren Nähe zum Kinderhospiz. Wie verrückt. Ich fühle mich sicher in der Nähe des Kinderhospizes. Wie verrückt und wie wahr. Wie wahr sich das anfühlt. Hier sind wir sicher.

Die Ärztin streicht mir über den Arm. Fragt nach Klara. Mir laufen Tränen. Ich hoffe, wir verlieren sie nicht, sage ich. Aus unseren Augen. Einatmen und Ausatmen.

Nach dem Unterricht gehen wir in die Schule. Klara sieht müde aus. Und glücklich. Ich spreche mit der Hortnerin. Erzähle kurz. Von Klara. Von Josef. Von uns. Klara möchte noch bleiben. Wir werden sie um 15.00 Uhr abholen.

Unsere Wohnung liegt direkt an der Schule. Klara schaut vom Schulhof auf unseren Balkon. Das Kinderhospiz können wir von unserer Wohnung aus sehen. Wir müssen nur über die Straße gehen. Dann sind wir da. Beide Kinder sind in unmittelbarere Nähe. Perfekt. Perfekt.

Wir gehen wieder ins Kinderhospiz. Zu Josef. Setzten uns in den Gemeinschaftsraum. Die Hauswirtschaftsfrau ist da. Das ist schön. Ich weine. Das ist in Ordnung. Dürfen hier sein. Meine Tränen. Uli telefoniert mit seinem Vater. Es dauert noch, sagt er. Es dauert. Uli und ich kaufen ein. Getränke, Würstchen und Brötchen.

Um 15.00 Uhr holen wir Klara vom Hort ab. Bringen ihre Sachen in unsere Wohnung. Gehen wieder ins Kinderhospiz.

Gegen 17.00 Uhr kommen die Umzugswagen. Sie brauche lange. Irgendwann ist unser Bett da. Uli bereitet es vor. Zum schlafen. Klara muss doch schlafen. Uli liest ihr vor. Die Umzugsmenschen arbeiten weiter.

Gegen 22.00 Uhr sind sie fertig. Wir sind erschöpft. Mein Körper schmerzt. Die Großeltern schlafen im Wohnzimmer. Wir schlafen. Irgendwann. In unserer neuen Wohnung. Josef. Josef schläft im Kinderhospiz. Schlaf gut, mein Bär. Schlaf gut, Klara.

Veröffentlicht am: 09.02.2019


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