Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. Eine lange Weile bin ich schon wach. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Klara kommt. Sie kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Halte sie. Kuschel sie in meine warme Strickjacke. Uli kommt. Wir setzen uns an den Tisch. Klara frühstückt. Cornflakes. Das Radio läuft. Ganz vertraut.

Klara geht los. Los in die Schule. Wir winken ihr. Bis wir sie nicht mehr sehen. Klara, meine Klara. Gestern waren wir mit ihr zum Klettern. Geschwisterklettern. Das erste Mal. Als Josef noch lebte, ging es nicht. Wir hätten sie nicht bringen können. Und holen. Sie fand das Klettern toll. Gestern. Beindruckend war es. Auch für uns. Die steilen Wände. Und Klara. Ich bin stolz auf Klara. So stolz. Klara, meine Klara.

Uli und ich. Wir trinken Kaffee. Und Tee. Sind still. Ich wundere mich. Das Klingeln. Die vielen Menschen. Sie fehlen mir nicht. Überhaupt nicht. Komisch. Über Monate so viele Menschen. Und nun. Nun kommt kein Mensch mehr. Und. Sie fehlen mir nicht. Fehlen. Nicht.

Nur. Josef. Josef, mein Josef. Du fehlst mir. Doch. Ich spüre dich. Wenn ich deine Mütze und deine Socke an meiner Brust spüre. An meinem Herzen. Dann weiß ich, du warst da. Bist da. Irgendwie bist du noch da. Josef, mein Josef.

Heute werden Regale gebracht. Für Josefs Zimmer. Ein großer Tisch auch. Es klingelt. Zwei Männer. Sie bauen das Regal auf. Es hat gelbe Türen und gelbe Regalbretter. Die Männer reden kaum. Das tut gut.

In der Ecke steht Josefs Wickeltisch. Zurückgebaut zu einer Kommode. Darauf steht ein Bild. Eine elektrische Kerze. Steine. Seine Taufkerze. Sein Wecker. Seine Uhr. Sie steht auf 17.25 Uhr. Da hast du aufgehört zu atmen, mein Josef. dein Herz schlug nicht mehr. Hörte auf. Zu Ende geschlagen. Dein Leben war zu ende. Josef, mein Josef. Was sie wohl denken, die Männer? Nehmen sie es wahr? Bitte, keine Fragen.

Nach einer Stunde gehen sie. Sind weg. Haben nicht gefragt. Ich bin dankbar. Wir räumen das Regal ein. Es steht dort, wo Josefs Bett stand. Am Fenster hängt sein Windspiel. Mit den Flugzeugen. Uli und ich. Wir laufen. Immer wieder laufen, um zu begreifen. Die Schmerzklumpen weicher machen. Damit sie mich nicht erdrücken.

Uli bekommt eine Mail. Von seinem Arbeitgeber. Eine vorsichtige Mail. Mit der Frage, wann er wieder arbeiten möchte. Uli weiß es nicht. Vielleicht im neuen Jahr? Vielleicht ist es anders im neuen Jahr. Mit der Durchlässigkeit. Vielleicht kann es gehen. Vielleicht?

Wir holen Klara ab. Bringen sie gleich ins Kinderhospiz. Zur Musiktherapie. Sie proben heute. Wollen am Wochenende ins Tonstudio. Zusammen mit den Geschwisterkindern die CD aufnehmen. Wollen sie verkaufen auf dem Christkindelmarkt im Kinderhospiz.

Uli und ich. Wir setzen uns in den Gemeinschaftsraum. Sind still. Schwestern kommen. Pfleger. Gäste. Es tut uns gut, hier zu sein. Dazuzugehören. Nicht ausgeschlossen zu werden, weil Josef nicht mehr da ist.

Dann kommt Klara. Wir gehen nach Hause. Es klingelt. Die Familienbegleitung. Wir freuen uns. Erzählen. Lachen. Essen Pfefferkuchen. Trinken Tee. Kaffee. Sie sagt, sie hat uns angesehen, wie es uns ging. Ganz dünn waren wir. Die Haut ganz dünn. Wurde immer dünner mit den Monaten. Immer dünner. Riss fast. Die Haut.

Und. Die Stärke sagt sie. Sie hat sie gespürt bei all der dünnen, rissigen Haut. Josef hatte es gut bei uns. Klara auch. Sie sagt, sie ist dankbar. Dankbar dafür, dass sie kommen durfte. Dankbar, dass sie uns begleiten darf. Dankbar für Klara. Mir laufen Tränen vor Rührung. Ihre Dankbarkeit berührt mich. Ich umarme sie. Wir halten uns. Das tut mir gut.

Dann. Essen wir Abendbrot. Nudeln mit Pesto. Wir lachen. Klara ist genervt. Sie wollte eigentlich allein sein mit der Familienbegleitung. Beim nächsten Mal. Beim nächsten Mal. Sie verabschiedet sich.

Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Klara liest uns vor. Ich mache ihr das Hörspiel an. Sie schläft bei uns. Es ist ja Freitag. Wochenende. Uli und ich. Wir sitzen in der Wohnküche. Erzählen. Ein wenig.

Vielleicht, sagt Uli. Vielleicht versuche ich es. Mit der Arbeit. Ja, sage ich. Ja. Im neuen Jahr. Da ist die Haut vielleicht nicht mehr so dünn. Im neuen Jahr. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 06.11.2019


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