Der Wecker klingelt. Es ist 7.00 Uhr.

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Der Wecker klingelt. Es ist 7.00 Uhr. Ich bin schon lange wach. Ich schalte ihn aus. Stehe auf. Mir ist schwindlig. Setze mich. Einatmen und Ausatmen. Stehe wieder auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht.

Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli kommt. Wir setzen uns an den Tisch. Sind still. Das Radio läuft. Ganz vertraut. Es läuft weiter. Das gleiche Programm. Seit Jahren. Jahrzenten. Ganz vertraut. Die Welt läuft weiter. Na. Also. Läuft weiter.

Klara geht los. Los in die Schule. Wir winken ihr. Bis wir sie nicht mehr sehen. Klara, meine Klara. Sie macht es so gut. Unser Anker. Unsere Verbindung zur Welt.

Uli und ich. Wir sitzen am Tisch. Sind still. Trinken Kaffee. Tee. Schauen auf den Schulhof. Alle Kinder wurden verschluckt von der Schule. Es ist still. Ich sehe den stillen Schulhof. Das tut mir gut. Die Stille.

Viele Reize schmerzen. Schmerzen körperlich. Seelisch und körperlich. Kann sie nicht gut verarbeiten. Sortieren. Strömen in mich hinein. Ohne Filter. Ich lege eine Decke um mich. Zum Schutz. Dann gehen wir laufen. Eine Gartenrunde. Durch die Heide. Spüren den November.

Josef, mein Josef. Mein Novemberkind. Vor zwei Jahren war ich um diese Zeit guter Hoffnung. Vor einem Jahr. Ach. Und heute. Ohne dich. Durchschmerzt. Immer wieder neu. Wie in Wellen. Uli und ich. Wir laufen und laufen. Essen etwas unterwegs. In einem Imbiss. Das Essen schmeckt intensiv.

Mein Geschmack hat sich verändert. Meine Sinneswahrnehmung. Vieles ist zu laut, zu hell, zu grell, zu intensiv, zu. Als wäre ich nackt. Ohne Schutz und Hülle. Einatmen und Ausatmen. Uli, wie geht es dir? Geht es dir auch so? Ja, sagt Uli. Ja. Dann. Stille. Nicht viele Worte. Bitte. Stille.

Zu Hause. Heute bekommen wir Besuch. Von der Frau der Kindertrauergruppe. Klara hat es sich gewünscht. Hat gesagt, sie möchte in die Trauergruppe. Das möchte sie ganz unbedingt. Heute kommt sie. Wir kennen sie. Freuen uns. Auf sie. Ich hole Klara ab. Vom Keramikkurs.

Zu Hause. Tee. Kakao. Kekse. Pfefferkuchen. Es klingelt. Die Frau ist da. Sie setzt sich zu uns. Wir erzählen. Es tut gut. Sie kennt uns. Kennt Josef. Das macht es uns leichter. Wir lachen. Auch. Klara darf kommen, sagt sie. Ab übernächster Woche.

Sie erklärt, wie viele Kinder dort sind. Was sie machen werden. Ehrenamtliche werden dabei sein. Für die Kinder. Bei manchen Kindern ist ein Elternteil gestorben oder Großeltern oder ein Geschwisterkind. Klara sagt, sie freut sich. Übernächsten Dienstag geht es los. Dann alle zwei Wochen. Außer in den Ferien. Da nicht.

Gut, sage ich. Gut. Danke, sage ich auch. Weiß doch darum, dass es kaum Plätze gibt. In der Trauergruppe. Oft müssen die Kinder warten, sagt die Frau. Ein halbes Jahr. Klara hat Glück. Ein Platz wurde gerade frei. Ja, welch ein Glück, sage ich. Welch ein Glück. Sie verabschiedet sich. Ich fühle mich leichter. Ein wenig leichter. Etwas tun. Für Klara. Über Josef reden. Auch das tut mir gut. Josef, mein Josef.

Es tut mir gut, mit Menschen zu sprechen, die ihn kannten. Die sagen, weißt du noch? Die sich erinnern. Fragen. Wie war das nochmal? Erzählen von ihrem Erleben mit ihm. Mit uns. Die lachen. Mit uns. Die uns aushalten. Mit all unseren Geschichten. In uns. Die erzählt werden wollen. Damit sie sich wandeln. Nicht feststecken in uns wie schmerzhafte Dolche. Die Geschichten, die weicher werden. Nicht mehr so hart und kantig sind.

Dafür müssen sie erzählt werden. Ausgehalten werden. Nicht erstickt werden. Mit den vermeintlichen Blicken in die Zukunft. Nein. Ich schaue jetzt in mich hinein. Sonst stolpere ich. Falle hin. Wenn ich nicht schaue, was jetzt ist. Was jetzt dran ist. Einatmen und Ausatmen.

Ich fühle nach Josefs Mütze. Seiner Socke. Lächele in mich hinein. Vergewissere mich. Im Hier und Jetzt, mein Josef. Im Hier und Jetzt. Ich weiß, mein Bär. Ich weiß.

Uli macht Crepes. Klara hat es sich gewünscht. Wir essen sie mit den Händen. Lachen. Sind leichter. Irgendwie. Schauen Kinderfernsehen. Klara liest uns vor. Ich mache ihr das Hörspiel an. Küsse sie. Sage ihr, sie ist eine wundervolle Tochter.

Dann sagt sie, Mama. Jetzt bin ich wieder ein Einzelkind. Ihr laufen Tränen. Laute Tränen. Schluchzende Tränen. Ich halte sie. Wiege sie in meinem Arm. Summe ein Lied. Tränen. Leise Tränen. Irgendwann schläft sie ein. Ich mache das Licht aus. Gehe ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 04.11.2019


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