, Zu Hause 2

Um 7.30 Uhr werde ich wach. Es ist Sonntag. Dunkel ist es draußen. Diesig und dunkel. Klara schläft. Ganz eingekuschelt liegt sie neben mir. Ihr Haar ist ganz durcheinander. Ich bleibe liegen. Spüre die Schwere meines Körpers.

Die Katze kommt. Hat mich bemerkt. Möchte ihr Fressen. Ich stehe auf. Es ist kalt. Gehe in die Wohnküche. Gebe der Katze ihr Fressen. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Nehme mir eine Decke. Hülle mich ein. Schalte das Radio ein. Die Stimmen sind angenehm. Vertraut.

Uli kommt. Wir sind still. Lauschen dem Radio. Heute ist Totensonntag. Toten. Sonntag. Nun hat auch dieser Tag eine besondere Bedeutung für uns. Einatmen und Ausatmen.

Wir trinken Kaffee. Tee. Ich zünde eine Kerze an. Klara fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Wochenende, meine Sonne. Ich decke langsam den Frühstückstisch. Uli geht los. Brötchen holen. Vom Bäcker.

Wir frühstücken. Klara im Schlafanzug. Hören Radio. Das Sonntagsrätsel. Sind still. Miteinander. Dann ziehen wir uns an. Kalt ist es draußen. Fahren los. Mit dem Auto. Wir sind eingeladen. Zu Tee und Keksen bei einer Schwester. Aus dem Krankenhaus.

Wir fahren eine lange Weile. Kaufen Blumen unterwegs. Eine Amaryllis. Eine rote Amaryllis. Kommen an. Dort. Klara ist gleich verschwunden. Die Tochter der Schwester ist im selben Alter wie Klara. Wir werden herzlich empfangen. Trinken Kaffee, Tee und essen köstliche Plätzchen. Wir erzählen. Die Worte fließen ineinander. Über Josef sprechen wir. Wir leuchten. Innerlich.

Josef, mein Josef. Es tut so gut. Das Beieinandersein. Mit Menschen die Josef kannten. Die mit uns sprechen. Über Josef sprechen. Erzählen. Sagen, weißt du noch. Die da sind. Im Moment. Uns nicht stumm machen. Mit Worten. Sagen, ihr müsst nach vorn schauen. Müsst. Müsst und müsst. Wir müssen nicht müssen. Nichts müssen wir müssen. Oder doch?

Wir gehen spazieren. Laufen und laufen. Lachen auch. Dann verabschieden wir uns. Umarmungen. Die Schwester gibt uns ein kleines Gesteck mit. Für Josef. Für sein Grab. Für uns gibt es noch Plätzchen. Für den Weg.

Wir fahren durch die Stadt. Kommen an. Am Friedhof. Überall sind Lichter auf den Gräbern. Wie schön das aussieht. Wie tröstend schön. Menschen sind dort. Viele Menschen.

Freunde von uns warten auf uns. Vor dem Eingang. Eine Freundin von Klara. Sie konnte nicht kommen. Zur Beerdigung. War im Urlaub. Heute möchte sie mit uns. Zu Josef. Ihre Mama ist dabei und ihre Geschwister.

Wir gehen zu Josef. Decken sein Grab mit Zweigen zu. Winterruhe, mein Bär. Winterruhe. Zünden eine Kerze an. Legen das Gesteck hin. Klaras Freundin hat eine große Muschel mitgebracht. Aus dem Urlaub. Auch die legen wir auf das Grab.

Dann. Gehen wir essen. Pizza essen. Gleich neben dem Friedhof. Erzählen. Weinen und lachen. Dann. Fängt es an zu schneien. Die Kinder laufen hinaus. Bringen Schnee mit. Es ist wunderschön. Wir bezahlen. Gehen los. Auf den Friedhof. Zu Josef.

Die Glocken läuten. Menschen kommen aus der Kapelle. Josefs Grab ist ganz weiß. Zugedeckt vom Schnee. Die Kerze leuchtet. Wie schön das ist. Wie schön. Wir halten uns. Uli und ich. Die Kinder hüpfen durch den Schnee. Schmerzlich schön ist das. Schmerzlich und tröstend. Der Schnee. Eine Schneedecke für dich, mein Josef. Eine Schneedecke. Ganz beschützend, mein Bär. Ganz beschützend.

Dann gehen wir los. Die Friedhofstüren werden bald geschlossen. Die Glocken läuten schon zum Aufbruch. Wir verabschieden uns. Umarmungen. Fahren los. Nach Hause.

Kommen an. In unserer Straße. Laufen zum Kinderhospiz. Zünden eine Kerze an. Am Teich der Erinnerung. Stehen dort. Schneebedeckt. Josefs Stein. Eine Schneemütze hat er auf. Der Stein.

Dann gehen wir nach Hause. Heißer Tee. Wir hüllen uns ein. Zünden eine Kerze an. Schauen zusammen Kinderfernsehen. Klara kuschelt sich an mich. Ich bringe sie ins Bett. Sie liest mir vor, meine Klara. Sagt, es war schön heute. Ich küsse Klara. Sage, ja meine Klara. Schön war es. Ich mache ihr das Hörspiel an. Noch einmal Küsse.

ehe ins Wohnzimmer. Decke mich zu. Habe das Gefühl, ein wenig anzukommen. In der Trauerwelt. Es tat gut. Heute. Auf dem Friedhof. Mit den Menschen. Bei Josef. Ich fühle mich nicht allein. Nicht so allein. Wir schauen fern. Gehen ins Bett. Tiefer Schlaf.

Veröffentlicht am: 22.11.2019


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