, Anderswo

Lange bin ich wach. Lange schon. Es ist 7.00 Uhr. Klara liegt neben mir. Ganz eingekuschelt. Uli. Uli ist wach. Schaut mich an. Ich stehe auf. Gehe auf den Balkon. Schaue über die Häuser. Auf das Meer.

Das Meer, mein Bär. Wir sind am Meer. An deinem Geburtstag. Wo auch sonst? Josef, mein Josef. Es ist warm. Hier. Wir sind auf Malta. Gestern angekommen. Am ersten Advent. Gelandet in der Wärme. In der Fremde.

Anders fühlen. Deinen Geburtstag, mein Josef. Anders bei dir sein. Andere Räume schaffen. Für dich, mein Josef. Für uns. Vor allen Dingen für uns. Ich setze mich auf einen der Balkonstühle. Höre das Meer. Höre Glocken läuten. Tränen. Leise Tränen.

Uli kommt zu mir. Wir sind still. Miteinander. Klara kommt. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Josefs Geburtstag. Wir kuscheln uns aneinander. Schauen fern. Hören fremde Sprachen. Sehen bunte Bilder.

Ich mache uns einen Kaffee. Irgendwann stehen wir auf. Fahren mit den Fahrstuhl nach unten. Frühstück. Ein Buffet. Wir sind langsam. Essen wenig. Ich fühle mich beschützt in dieser fremden Welt. Niemand kennt uns. Niemand spricht unsere Sprache. Keine unbeholfenen Unterhaltungen. Aushalten. Das Aushalten habe ich verbraucht. Es fällt mir schwer, auszuhalten.

Nach dem Frühstück gehen wir los. Uli hat sich was überlegt. Ich bin glücklich darüber. Ich. Habe keine Kraft dazu. Zum Überlegen. Orientieren. Ich bin dankbar. Unendlich dankbar. Wir gehen in eine Kirche. Ich zünde eine Kerze an. Für Josef. Mein Herz. Triefend. Ein triefendes Herz.

Beim Verlassen der Kirche pustet eine Frau die Kerzen aus. Ich habe keine Kraft. Keine Kraft etwas zu sagen. Es sticht. Sticht in mein triefendes Herz.

Wir laufen. Dann. Fahren wir mit einem Bus. Steigen irgendwo aus. In einem Dorf. Einer Stadt. Es ist ruhig. Keine Menschen. Wir laufen und laufen. Es ist windig. Fast stürmisch. Klara hüpft und springt. Ich fange sie ein. Immer wieder. Küsse sie. Halte sie. Mit meinem triefenden und stechendem Herzen.

Wir laufen und laufen. Dann. Sehen wir das Meer. Laufen hinab zu der blauen Grotte. Es ist laut. Die Wellen schlagen fordern an die Felsen. Es tost. Das Meer. Fordernd und wild. Ganz wild, mein Josef. Ganz wild. Die Sonne scheint zum Trotz. Eine trotzige Sonne, mein Josef.

Wir sitzen dort. Verstehen uns nicht. Sind leise. Das Meer rauscht in uns. Wie dein Atem, Josef. Wie dein Atem. Wir versuchen, eine Kerze anzuzünden. Schaffen es. Irgendwie. Wir sind auch trotzig, mein Josef. Wir auch. Wir trotzen der Schwere, dem Unmöglichen.

Haben wir es doch anders erlebt, mein Josef. Mit dir. Erst durch das Fühlen machen wir uns die Welt erfahrbar. Erst durch das Fühlen, mein Josef. Erst dadurch. Können doch so vieles nicht denken. Den Tod nicht denken. Warum wollen wir dann das Leben denken? Uns darauf verlassen, mein Josef?

Die Kerzen brennen. Zwei Kerzen, mein Josef. Zwei Jahre bist du nun. Zwei Jahre. Tränen. Sie werden getrocknet von dem Wind. Der Sonne. Dann sind wir erschöpft. Setzen uns in einen Kiosk. Trinken eine Brause. Kaffee. Essen Eis.

Fahren mit dem Bus. Eine andere Strecke. Entlang an der Meeresküste. Klara. Ganz dicht bei mir. Ihr Haar duftet nach Meer. Ganz salzig. Mein Herz. Triefend, schmerzhaft und voll. Auch voll von Glück.

Wir kommen an. In der Stadt. Laufen. Setzen uns an das Wasser. An die Bucht. Es ist ruhig hier. Viel ruhiger. Sanfter. Klara springt über die Steine. Entdeckt einen Tintenfisch. Im Wasser. Zwischen den Steinen. Nennt ihn Tinti. Er verkriecht sich in seiner Höhle. Ganz vertraut ist mir das. Ganz vertraut.

Irgendwann essen wir etwas. Pizza. Am Meer. Sitzen lange. Bis die Sonne untergeht. Auf dem Rückweg gehen wir in eine Kirche. Ich zünde eine Kerze an. Für Josef. Wir sitzen eine Weile dort. Niemand löscht die Kerze. Welch ein Glück, mein Josef. Welch ein Glück.

Im Hotel. Wir fahren auf unser Zimmer. Setzen uns auf den Balkon. Tränen laufen. Bewegte Tränen. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Wir gehen rein. Josef, mein Josef. Wenden uns Klara zu. Kuscheln uns ins Bett. Schauen fern. Klara schläft. Irgendwann.

Ich streiche über ihr Haar. Es duftet nach Meer, mein Josef. Deine Schwester hat Meereshaar. Schlaf. Tiefer Schlaf. Auch bei mir, lieber Josef. Auch bei mir. Bei Uli. Bei Uli auch.

Veröffentlicht am: 30.11.2019


"Bezahle, so viel du möchtest" ist eine Idee, die wir schon lange haben. 673 Tage, die wir mit Josef erlebt haben. Wir verschenken Texte und Bilder, Tag für Tag. Du kannst zurückschenken! Groß-, Mittel-, Klein- und Kleinstbeträge, alles hilft!

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

❤️ Mehr darüber, wie du uns unterstützen kannst.