Um 7.00 Uhr bin ich wach.

, Anderswo

Um 7.00 Uhr bin ich wach. Es ist still in unserer Wohnung. Still. Klara liegt neben mir. Ganz eingekuschelt. Ich streiche ihr ganz sanft über ihre Haare. Ein Glück. Sie ist da. Noch da. Wir sind nicht ganz verloren.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Die Katze folgt mir. Die Katze. Ich wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee.

Die Tür zu Josefs Zimmer steht auf. Weit auf. Ich gehe in sein Zimmer. Lege meinen Kopf auf sein Bett. Genau dorthin, wo sein Kopf lag. Sein schöner Lockenkopf. Josef, mein Josef. Tränen. Leise Tränen. Mal laut und mal leise, mein Josef.

Am Fenster steht eine Kerze. Eine elektrische Kerze. Sie steht dort und leuchtet. Als Zeichen. Für was, denke ich? Für was? Mein Kind ist tot. Achtung, mein Josef ist gestorben. Hier bei uns. In meinem Arm. Seid vorsichtig mit uns.

Vielleicht bedeutet es das? Seid vorsichtig mit uns. Vorsichtig. Wir können uns nicht gut schützen. Gerade. Liegen da. Ganz nackt. Vor euch. Seid vorsichtig.

Uli kommt. Wir stehen in Josefs Zimmer. Die Absaugen habe ich schon weg gepackt. Den Monitor auch. Ertrage es nicht. Das. Die Akten sind weg. Hat die Palliativschwester mitgenommen. Die Sauerstofftonne in der Ecke.

Die Katze legt sich in den Therapiestuhl. Ich finde es unerträglich. Nehme sie aus den Stuhl. Wir gehen ins Wohnzimmer. Ich schließe die Tür von Josefs Zimmer. Damit die Katze sich nicht in sein Bett legt. Nicht in seinen Stuhl. Das ertrage ich nicht.

So vieles kann ich nicht mehr tragen. Ertragen. Keinen Puffer mehr für das. Für Vieles. Abgekapselt fühle ich mich. Herausgefallen aus der Zeit. Noch einmal mehr herausgefallen. Aus der herausgefallenen Zeit. Geht das überhaupt? Ja, denke ich. Ja. Das geht.

Klara kommt. Ja, sage ich. Du darfst etwas fernsehen. Es ist ja Wochenende. Ich packe Sachen. Wir wollen ans Meer fahren. An die Ostsee. Einen Stein suchen. Für Josef. Für den Teich der Erinnerung. Wir wollen ihn selber suchen. Dazu machen wir uns auf den Weg.

Das tröstet mich. Etwas zu tun für meinen Josef. Es tröstet und beruhigt mich. Ich spüre Kraft. Kraft, die ich für die anderen Dinge nicht mehr habe. Keine Kraft mehr für das Verständnis für andere Menschen. Für ihr Leid. Ihren Schmerz. Für ihre Trauer um Josef. Keine Kraft dafür. Keine Kraft.

Wir packen die Sachen ins Auto. Die Sonne scheint. Die Blätter. Ganz bunt. Wir fahren los. Sind da. Ganz schnell sind wir angekommen. Steigen aus. Suchen ein Zimmer. Suchen lange. Finden eins.

Dann. Fahren wir ans Meer. Laufen. Laufen und laufen. Suchen und suchen nach Steinen. Ein Stein für Josef. Steine für Josef. Als könnten wir ihn damit noch einmal herholen. Ihn noch einmal zurückholen.

Es tut mir gut, mich mit Josef zu beschäftigen. In Gedanken, mit den Sinnen, den Händen. Steine zu berühren. In meinen Händen zu wiegen. Zu entscheiden. Nein. Der ist es nicht. Das Meeresrauschen als Trost in meinen Ohren. Und gleichzeitig ganz schmerzhaft. Wie Josefs Atem klingt das Meeresrauschen. Wie sein Atem. Josef, mein Josef.

Uli steht vor einem großen Stein. Einem Findling. Sagt, das ist er. Das ist Josefs Stein. Wir lachen. Sind dann ganz berauscht von dem Gedanken. Ja, Josef bekommt einen riesigen Findling. Wir malen ihn an, sagt Uli. Jetzt. Hier. Heute. Gut, sage ich. Gut.

Es ist windig. Ganz windig. Das Meer rauscht. Uli holt die Farbe aus dem Rucksack. Klara malt Buchstaben auf den Stein. Josef, schreibt sie. Ganz groß. Josef. Ich male ein Herz auf die Rückseite. Ganz groß. Wenige Menschen kommen vorbei. Ganz wenige. Ganz berauscht sind wir davon. Dann sind wir fertig. Klara setzt sich auf den Stein. Fast trotzig.

Das Meer rauscht. Wir spüren die Kälte. Laufen den Strand entlang. Schreien laut: Josef. Josef, hörst du uns? Das Meer rauscht. Als wäre es eine Antwort. Auf unsere Frage. Ein rauschendes Ja. Ja, ich höre euch.

An der Steilküste laufen wir zurück. Beobachten von oben die Menschen. Wie sie sich den Stein anschauen. Wir lachen. Sind glücklich. Berauscht und glücklich. Außerhalb von und doch ganz da. Verbunden mit dem Meer und dem Stein. Am Abend fallen wir ins Bett. Schlafen fest. Tief und fest. Wie gut es tat. Wie gut.

Veröffentlicht am: 10.10.2019


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