650 | Ich bin wach. Schalte den Wecker aus.

, Kinderhospiz

Ich bin wach. Schalte den Wecker aus. Es ist 6.00 Uhr. Stehe auf. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Einatmen und Ausatmen.

Mir laufen Tränen. Die Blätter werden bunt. Herbst. Noch ein Herbst, mein Josef. Dein zweiter Herbst. Unser zweiter Herbst. Mir wird kalt. Ich gehe in Josefs Zimmer. Lege mich in sein Bett. Mir laufen leise Tränen.

Ich höre Klara kommen. Sie ruft, Mama? Ich stehe auf. Sage, hier. Sie kuschelt sich an mich. Wir gehen in die Wohnküche. Ich decke den Tisch. Schalte das Radio an. Uli kommt.

Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Setze mich zu ihnen. Wir erzählen. Leise. Heute kommt die Familienbegleitung. Klara freut sich schon.

Zusammen gehen wir los. Klara in die Schule. Wir gehen ins Kinderhospiz. Josef. Im Arm der Schwester. Sie saugt ihn ab. Keine Besonderheiten heute Nacht, sagt sie. Gut, sage ich. Gut. Nehme Josef auf den Arm. Sein Kopf auf meiner Schulter.

Ich küsse ihn. Spüre seinen warmen Körper. Die Schwere seines Kopfes. Lange halte ich Josef so. Lange. Versuche zu erspüren. Was? Was versuche ich zu erspüren? Ich lasse sie los. Diese Frage. Diese sinnlosen Fragen. Nach dem: Was? Wo? Wohin? Wieso? Warum? Schicke sie weg. Diese Fragen.

Ich lege Josef in meinen Arm. Er schläft. Ist sediert. In einer anderen Welt. In seinem Körper. Viele Medikamente. Medikamente, die ihn beruhigen. Ihn schlafen lassen. Ihm die Krämpfe nehmen. Sie ihn nicht spüren lassen. Schmerzen nehmen sie auch.

Ohne sie. Daran möchte ich nicht denken. Ohne die Medikamente. Wach wäre er. Vor Schmerzen immer wach. Ich küsse Josef. Er liegt in meinem Arm. Schön ist er. Unglaublich schön.

Uli lässt das Wasser in die Wanne laufen. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Uli badet Josef. Saugt ihn ab. Viel Sekret heute morgen. Viel Sekret. Ich trockne Josef ab. Küsse. Öle ihn ein. Küsse. Nehme ihn in meinen Arm.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Gäste werden gebracht. Schwestern. Pfleger. Eltern. Monitore piepen. Absaugen rauschen. Spritzen klopfen an die Tischkante.

Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Nach dem Frühstück gehen wir nach Hause. Mit Josef. Heute ist es mir zu viel. Im Kinderhospiz. Zu viele Reize. Meine Haut zu dünn. Uli ruft die Physiotherapeutin und Logopädin an. Sagt, wir sind zu Hause.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Die Logopädin. Sie begrüßt Josef. Mit ihren Händen. Füße. Beine. Hände. Arme. Arbeitet sich bis zu seinem Gesicht vor. Er reagiert nicht. Josef, mein Josef. Müssen musst du nicht. Sie verabschiedet sich.

Josef in meinem Arm. Mittagsbrei. Tee. Medikamente. Ich lege ihn auf das Lagerungskissen. Setze mich zu ihm. Streichele seine schönen Locken. Küsse ihn.

Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Sie singt. Ihr Lied. Es gibt ihr Sicherheit. Dann beginnt sie. Mit den Übungen. Josef ist ganz unbeteiligt. Sie tut mir leid. Gibt sich Mühe. Und holt Josef doch nicht ab.

Und Josef. Mein Josef. Welch ein Glück wir doch hatten. Welch ein Glück. Mit unserer Physiotherapeutin in der kleinen Stadt. Einatmen und Ausatmen. Die Physiotherapeutin verabschiedet sich.

Uli holt Klara ab. Aus dem Hort. Es klingelt. Die Familienbegleitung. Wir freuen uns. Alle. Klara möchte ein Eis essen gehen. Schon sind sie weg.

Josef schläft. Schlummert. Ab und zu öffnen sich seine Augen. Schließen sich zitternd wieder. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm Tee. Medikamente. Küsse.

Klara und die Familienbegleitung kommen. Wir essen zusammen Abendbrot. Nudeln mit Pesto. Es tut gut. Sie bei uns zu haben. Sie verabschiedet sich mit Umarmungen.

Wir schauen Kinderfernsehen. Ich bringe Klara ins Bett. Sie liest noch ein wenig. Ich ziehe Josef um. Küsse. Immer wieder Küsse. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Dann gehen wir ins Kinderhospiz. Ich lege Josef in sein Bett. Wir sitzen bei ihm. Eine lange Weile. Geben der Schwester Bescheid.

Zu Hause. Klara schläft. Ich mache das Licht aus. Die Katze springt durch die Wohnung. Die Unruhekatze. Ihre Lebendigkeit schmerzt. Uli und ich.

Wir schauen fern. Ich bekomme wenig mit. Bin wie in einer anderen Welt. Als schwebe ich mit Josef. Nach den Versuchen, mich wieder zu verankern. In der Welt. Schwebe ich. Nach den Besuchen. Den Einkäufen. Dem Anflug von Normalität. Schwebe ich wieder. Außerhalb von.

Energie hat es gekostet. Geraubt. Von der ich doch nicht so viel habe. Von der Energie. Wie soll ich sorgsam sein in meiner Verletzlichkeit? Wie? Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 10.09.2019


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