651 | Ich schalte den Wecker aus. Es ist 6.20 Uhr.

, Kinderhospiz

Ich schalte den Wecker aus. Es ist 6.20 Uhr. Mir laufen Tränen. Brauche Platz. Innerlich. Ich setze mich. Die Katze schaut mich an. Liegt auf Ulis Sachen. Meine Füße. Auf dem Boden.

Er ist kühl. Der Boden. Ich stehe auf. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Gehe in Josefs Zimmer. Lasse meine Hand über sein Bett gleiten. Öffne das Fenster. Das Mobile klappert. Er hat es nie gesehen. Josef, mein Josef. Nie gehört. Wahrscheinlich. Was weiß ich schon? Was weiß ich schon?

Ich hole tief Luft. Einatmen und Ausatmen. Die Sonne wird heute scheinen. Keine Wolke am Himmel. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Wir gehen in die Wohnküche.

Uli sitzt schon am Tisch. Trinken Kaffee. Tee. Klara isst Cornflakes. Zusammen gehen wir los. Klara in die Schule. Wir ins Kinderhospiz.

Treppe rauf. Dritte Tür links. Josef, mein Josef. Der Alarm schreit. Herzfrequenz 170. Sauerstoffsättigung 78. Ich nehme ihn aus dem Bett. Uli schaltet den Monitor aus. Saugt Josef ab. Inhalieren. Küsse.

Josef, mein Josef. Langsam atmet er wieder gleichmäßig. Rauschend und gleichmäßig. Ich lege Josef über meine Knie. Damit das Sekret raus laufen kann. Streiche mit meinen Händen über seine Rippen. Mein Herz. Ach. Mein Herz.

Die Schwester. Ist da. Fragt. Uli sagt, schon besser. Schon besser. Die Nacht war ruhig, sagt sie. Josef schien zu schlafen. Seine Augen waren geschlossen. Die Vitalwerte im Normbereich. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay.

Schien zu schlafen. Wir wissen es nicht. Wissen einfach nicht in welchem Zustand sich Josef befindet. Schläft er? Ist er wach? Nicht mehr zu unterscheiden. Sie gehen ineinander über. Die Zustände. Schlafen. Wachsein. Schweben. Schweben. Dazwischen. Darin.

Ich küsse Josef. Ich versuche tief Luft zu holen. Es gelingt mir nicht. Mein Atem. Nur ganz flach. Unmerklich.

Uli lässt das Wasser in die Wanne laufen. Ich ziehe Josef aus. ganz vorsichtig. Küsse ihn. Seine schönen Locken. Seine schöne Nase. Sein Mund. So ein schöner Josef. Mein schöner Josef. Uli badet Josef. Ich trockne ihn ab. Küsse ihn. Öle Josef ein. Genieße es. Ihn zu berühren. Zu spüren. Ich ziehe Josef an. Dann gehen wir in den Gemeinschaftsraum.

Die Hauswirtschaftsfrau ist da. Das ist schön. Sie streicht mir über den Arm. Sagt, da seid ihr ja. Wir plaudern. Über dies und das. Unbefangen. Die Gäste kommen. Pfleger. Schwestern. Eltern. Die Therapeuten schwärmen aus.

Josef in meinem Arm. Ich gebe ihm seinen Morgenbrei. Ganz vorsichtig. Tee. Medikamente. Ganz automatisch. Darin bin ich geübt. Sind wir geübt. Josef in meinem Arm. In seinem Schwebezustand.

Wir gehen spazieren. Meine Augen sind immer auf ihn gerichtet. Uli schiebt. Schiebt immer. Meine Augen sind bei Josef. Es ist kühl. Josef liegt eingekuschelt in seinem Rehabuggy. Seine Atmung rauscht leise. Ab und zu hält sie an. Setzt aus. Dann. Mit einem leisen oder lauten Seufzer atmet Josef weiter.

Ich habe mich daran gewöhnt. An so Vieles gewöhnt, mein Josef. Im Kinderhospiz. Josef bekommt seinen Mittagsbrei. Tee. Medikamente. Küsse. Wir sind leise heute. Still. Reden wenig. Nur das Nötigste.

Der Einzelfallhelfer kommt. Schön ist das. Er lässt sich ein. Auf Josef und unsere Stille. Seismographisch. Nach zwei Stunden verabschiedet er sich. Kommt morgen wieder.

Ich hole Klara ab. Vom Hort. Wir gehen ins Kinderhospiz. Die Clowns kommen. Nehmen Klara mit. Sie ziehen von Zimmer zu Zimmer. Klara ist gelöst. Glücklich.

Wir sitzen mit Josef im Gemeinschaftsraum. Josef in meinem Arm. Immer wieder Küsse. Ich nehme die Schwere seines Körpers wahr. Seine Wärme. Speichere sie in mir. Für später. Gäste sind da. Pfleger. Schwestern. Eltern kommen. Die Geschwisterkinder.

Ehrenamtliche. Fragen, ob sie mich massieren dürfen. Etwas Gutes tun. Ich sage, nein. Heute nicht. Ein anderes Mal. Vielleicht. Keine Kraft mehr für Kompromisse. Keine Kraft mehr. Klara verschwindet mit den Geschwisterkindern beim Musiktherapeuten. Sie proben. Für ihre CD.

Abendbrot. Wir essen Abendbrot. Selbstgemachte Pizza. Ich küsse Josef. Gebe ihm seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Er schlummert. Den ganzen Tag. Atmet. Unregelmäßig. Atmen, mein Josef. Atmen. Ich weiß, ich verlange zu viel. Fordere zu viel.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef um. Für die Nacht. Küsse ihn. Lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 127. Sauerstoffsättigung 93. Wir geben der Schwester Bescheid.

Gehen nach Hause. Mit Klara. Schauen fern. Ich bringe Klara in unser Bett. Sie liest mir vor. Ich mache das Hörspiel an. Irgendwann gehen Uli und ich ins Bett. Schlaf. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 11. 09. 2019


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