652 | Wach. Es ist 6.00 Uhr.

, Kinderhospiz

Wach. Es ist 6.00 Uhr. Ich bleibe liegen. Versuche zu atmen. Luft zu holen. Einatmen und Ausatmen. Ich schalte den Wecker aus. Setze mich. Meine Füße auf dem Boden. Die Katze liegt auf Ulis Sachen.

Er wird schimpfen. Uli. Über die Katzenhaare auf seinen Sachen. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Es ist kühl. Angenehm kühl.

Ich sehe den Fuchs. Den Schulhoffuchs. Freue mich. Versuche, zu atmen. Die Luft durch meine Lunge strömen zu lassen. Es gelingt mir besser. Ob ich es Josef beibringen kann? Das Atmen? Mit ihm üben?

Ach, denke ich. Ach. Sie hört nicht auf. Meine Fürsorge für meinen Josef. An keinem Punkt hört sie auf. Möchte es ihm leichter machen. Schwere abnehmen. Josef, mein Josef. Ich gehe in sein Zimmer. Öffne das Fenster. Lasse die kühle Luft hinein. Das Mobile klappert.

Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Uli kommt. Wir setzen uns in die Wohnküche. Trinken Kaffee. Tee. Klara fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Wochenende.

Uli und ich. Wir reden. Leise. Haben uns so sehr an das leise Reden gewöhnt. Wir packen Sachen. Für eine Übernachtung bei Freunden. Fahren sie besuchen. Klara schläft bei einer Freundin. Ist heute zum Kindergeburtstag eingeladen. Sie bleibt in der großen Stadt.

Zusammen gehen wir ins Kinderhospiz. Josef, mein Josef. Er ist wach. Die Schwester inhaliert ihn. Saugt ihn vorsichtig ab. Ich nehme ihn. Küsse. Die Nacht war entspannt, sagt sie. Heute Morgen hatte er Sekretprobleme. War blau. Bekam keine Luft. Jetzt ist es besser. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay.

Uli lässt das Wasser in die Wanne. Ich ziehe Josef aus. Uli badet ihn. Ich trockne Josef vorsichtig ab. Küsse. Seinen Bauch. Seine Brust. Seinen Mund. Sein Arme. Beine. Füße. Öle Josef ein. Ziehe ihn an.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Ehrenamtliche haben das Frühstück gemacht. Obstsalat. Rührei mit Speck. Es ist köstlich. Ich gebe Josef seinen Brei. Tee. Medikamente.

Uli und ich, wir überlegen. Fahren wir? Oder nicht? Entscheiden uns dafür. Eine Nacht werden wir nicht da sein. Das wird schon gehen. Ist wichtig. Für unsere Freunde. Als Zeichen von uns. Und. Wir wissen, sie hätten Verständnis. Wenn wir absagen würden.

Josef, mein Josef. Was sagst du? Josef atmet. Unregelmäßig. Liegt in meinem Arm. Ganz entspannt. Ich küsse ihn. Meinen Josef.

Der Einzelfallhelfer kommt. Wir erzählen. Lachen ein wenig. Dann zieht er sich mit Josef zurück. Wir verabschieden uns. Ich küsse Josef.

Dann fahren wir los. Bringen Klara zum Kindergeburtstag. Sie hat eine Glitzerrock an. Ist ganz stolz darauf. Ich küsse sie. Wünsche ihr viel Spaß.

Dann fahren wir los. Nach zwei Stunden sind wir bei den Freunden. Treffen uns in einem Kaffee mit einer weiteren Freundin und ihren Kindern.

Essen Kuchen. Berauschen uns an den Gesprächen. An der anderen Welt. Die nichts zu tun hat mit unserer Realität. Dennoch tut es gut. Sind wir dankbar. Für die Zeit.

Am Abend rufe ich im Kinderhospiz an. Er ist gerade eingeschlafen, sagt die Schwester. Sein Tag war entspannt. Sie hat viel mit ihm gekuschelt. Schön, sage ich. Schön. Küsse für Josef. Ja, sagt sie. Ja.

Ich bin beruhigt. Etwas beruhigter. Hoffe. Hoffe. Es bleibt so. Bis morgen. Hoffe. Hoffe. Sonst. Fahren wir sofort. Nach Hause.

Ich rufe Klara an. Sie ist ganz aufgedreht. Lacht. Macht Scherze mit ihrer Freundin. Es geht ihr gut, sagt sie. Ich bin beruhigt. Auch hier bin ich beruhigt.

Am Abend kommen Freunde zum Essen. Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir sitzen zusammen. Lachen. Erzählen. Essen. Trinken. Holen alles nach. All die nicht gemachten Besuche der letzten Monate und Jahre. Es wird spät und später.

Und dann. Sagt unsere Freundin. Sie wird operiert. Eine Chemotherapie machen. Es wird schon gut gehen. Die Ärzte sagen, er hat noch nicht gestreut. Der Krebs. Stille. Leise Worte. Wir sind da. Sind alle da. Halten.

Es ist schon fast Morgen. Wir gehen ins Bett. Schlaf. Sehr wenig. In meinem Kopf und Bauch. Bewegung. Kreise. Schleifen. Schmerz. Dankbarkeit. Für ihre Offenheit.

In mir verschieben sich die Bilder. Nicht nur wir sind außerhalb. Nicht nur wir. Irgendwann laufen mir Tränen. Über mein Gesicht. Laufen ab. Machen Platz für neue. Die gebraucht werden. Verflüssigte Gefühle. Die Tränen.

Veröffentlicht am: 12.09.2019


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