442 | Um 6.30 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 6.30 Uhr bin ich wach. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Weine. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. In der Schule brennt vereinzelt Licht. Es ist Samstag.

Wer weiß, denke ich. Wer weiß. An der oberen Fensterfront kleben Buchstaben. Dort steht: Willkommen. Sind wir damit gemeint? Schön ist das. Willkommen zu sein. Uli kommt in die Wohnküche. Wir erzählen, was zu tun ist.

Heute kommen Freunde. Helfen beim Möbelaufbauen. Lampen anhängen. Regale an die Wand schrauben. Wir freuen uns. Ich decke den Frühstückstisch. Uli holt Brötchen.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Unsere Freunde. Klara schaut fern. Es ist ja Wochenende. Dann steht sie auf. Wir frühstücken zusammen. Dann fangen sie an. Zu schrauben. Zu bohren. Aufzubauen. Zwischendurch fahren wir in den Baumarkt. Holen Lampen, Dübel, Schrauben.

Gegen Mittag gehe ich mit Klara zu Josef. Ins Kinderhospiz. Josef schläft. Ich lege meine Hand auf seinen Kopf. Küsse ihn. Die Schwester kommt zu uns. Sagt, sie hat ihm gerade ein Notfallmedikament gegeben. Josef hat gekrampft. Mir wird es schwer ums Herz. Die Krämpfe. Die blöden Krämpfe. Einatmen und Ausatmen.

Wir müssen damit leben lernen, denke ich. Nicht dagegen ankämpfen. Annehmen. Einatmen und Ausatmen. Es fällt mir so schwer. Es schmerzt. Das Gefühl, nur reagieren zu können. Einatmen und Ausatmen.

Die Geschwisterkinder kommen. Haben gehört, Klara ist da. Sie nehmen Klara mit. Verschwinden mit ihr im Kinderhospiz. Ich vertraue ihnen. Ich bleibe eine Weile bei Josef. Küsse ihn. Halte seine kleine Hand.

Dann gehe ich. Zu den Eltern der Geschwisterkinder. Verabrede, dass Klara bei ihnen bleibt. Am Abend werde ich sie abholen. Meine Klara.

In der Wohnung. Ich packe Kisten aus. Kiste um Kiste. Unsere Freunde und Uli schaffen viel. Das Regal in Klaras Zimmer ist an der Wand. Lampen sind angebaut. Das tut gut. Ich bin dankbar. Dankbar für die Hilfe.

Am frühen Abend gehen wir zusammen zu Josef. Er ist im Jugendzimmer. Mit anderen Gästen. Klara und den Geschwisterkindern. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Sehe ihn heute zum ersten Mal wach. Ganz wach.

Josef streckt sich. Sein Kopf geht nach rechts. Seine Augen auch. Er krampft. Ich lege ihn auf meine Knie. Lege seine Arme und Beine auf seinen Bauch. Küsse ihn. Drücke mit meinem Finger den Punkt zwischen seinen Augen. Mit dem Daumen drücke ich die Stelle zwischen seiner Nase und seinem Mund.

Josef hört auf. Mit dem Krampf. Oder der Krampf hört mit Josef auf. Ach, denke ich. Ach. Josef und der Krampf. Oder der Krampf und Josef. Wie ist das eigentlich? Gehört der Krampf dazu? Wie zu anderen Kindern andere Dinge gehören? Die Augenfarbe und Haarfarbe. Zum Beispiel. Und zu Josef gehören die Krämpfe? Wie fühlt es sich an, mein Josef? Wie kann ich dir helfen? Kann ich dir helfen? Einatmen und Ausatmen.

Ich gebe Josef der Schwester. Küsse ich ihn noch einmal. Er schläft ein. Ganz erschöpft ist er. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut. Ich streichele seinen Kopf. Küsse ihn. Dann gehen wir los. Vor dem Kinderhospiz hält ein Bestattungswagen.

Ein Sarg wird ins Kinderhospiz getragen. Licht scheint im Abschiedsraum. Einatmen und Ausatmen. Wir sind still. Mit unseren Freunden. Still. Einatmen und Ausatmen.

Wir gehen essen. Müssen etwas essen. Klara kommt mit. Irgendwann lachen wir wieder. An diesem Abend. Erzählen uns Anekdoten von früher. Machen Späße. Es ist leicht. Leicht und schwer. Das wissen wir. Alle.

Zu Hause. Sitzen wir noch eine Weile. Klara schläft schon bei uns im Bett. Wir genießen den Abend. Der erste Abend mit Freunden, ohne direkte Josefverantwortung im Nebenzimmer. Es ist schön. Ein Ausnahmeabend. Das wissen wir. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlafen. Tief und fest.

Veröffentlicht am: 14.02.2019


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