Um 7.30 Uhr werde ich wach.

Ich schrecke auf. So spät schon. Denke, die Schwester. Sie hat doch Feierabend. Ich sitze im Bett. Einatmen und Ausatmen. Ich bin in Amsterdam, denke ich. Bin nicht zu Hause. Klara wird wach. Uli schläft noch. Ich kuschele mich an Klara. Es ist schön hier, sagt Klara. Dann fragt sie, ob sie fernsehen kann. Ja, sage ich.

Ich gehe duschen. Es geht mir gut. Ich bin immer noch ganz beseelt von dem Gedanken. Eine neue Wohnung zu suchen. In der wir Platz haben. Die Zukunft zu planen. Bisher haben wir es nicht gewagt, Zukunft mit Josef zu planen. Nun sind wir mutig. Das tut gut. Etwas zu tun. Zu ändern. Das Leben zu gestallten. Mit Josef. Josef, so wie er ist. Das muss doch gehen, denke ich. Uli ist wach. Zusammen schauen wir fern.

Um 9.00 Uhr rufe ich im Kinderhospiz an. Die Mama von Josef am Telefon. Ich werde weitergereicht. Wie geht es Josef, frage ich. Die Nacht schlief er durch. Es geht ihm soweit gut. Was bedeutet soweit, frage ich. Er hatte eine Krampfserie, sagt die Schwester. Es hörte von allein auf. Die Ärztin weiß Bescheid. Sonst geht es Josef gut, sagt sie. Einatmen und Ausatmen.

Okay, sage ich. Sollen wir kommen, frage ich. Nein, sagt die Schwester. Es geht ihm gut. Eurem Josef. Okay, sage ich. Wir rufen an, wenn etwas ist, sagt die Schwester. Ja, sage ich. Morgen sind wir wieder da. Ich weiß, sagt die Schwester. Wir wünschen uns einen schönen Tag. Einatmen und Ausatmen.

Die Krämpfe, denke ich. Diese blöden Krämpfe. Diese Dreckskrämpfe. Einatmen und Ausatmen. Mir laufen Tränen. Einatmen und Ausatmen. Einatmen und Ausatmen. Wir gehen frühstücken. Es ist bedeckt heute. Innerlich fühle ich mich auch bedeckt und etwas trüb. Einatmen und Ausatmen.

Klara bäckt sich kleine Pfannkuchen. Pfannkuchen mit Sirup gibt es zum Frühstück. Für uns Kaffee. Etwas Brot. Obst. Gemüse und Ei. Es tut gut. Sich nicht zu kümmern. Um das Essen. Dann ziehen wir los. Lassen uns in die Stadt ziehen. Fahren mit einem Boot. Gehen in ein Museum. In das Tropenmuseum. Dort gibt es eine Kinderausstellung über Brasilien. Wir ziehen Flipflops an. Lassen uns verzaubern von der inszenierten Welt. Klara ist glücklich. Erkundet jede Ecke. Jeden Winkel. Für Josef gleich mit, denke ich. Für Josef gleich mit.

Wir trinken noch einen Kaffee in dem Museum. Schweifen durch den Museumshop. Suchen ein Geschenk. Für Josef. Sehen einen Buddha. Einen Kuschelbuddha. Der ist für Josef, sagt Klara. Du bist eine so tolle große Schwester, denke ich. Sage, Klara du bist eine tolle große Schwester. Sie schaut mich nur an. Fragt, findest du? Ja, sage ich. Ja.

Der Buddha. Wie er zu Josef passt. Der Buddha. Vier Wahrheiten. Der Buddhismus. 1. Wahrheit: Leben ist Leiden. 2. Wahrheit: Ursache des Leiden ist die Begierde. 3. Wahrheit: Sich abkehren von der Ursache des Leidens. 4. Wahrheit: Durch das Finden der vernünftigen Mitte. Buddha, mein Josef. Der ist für dich. Der Buddha.

Wir fahren ins Hotel. Die letzte Nacht. Dort. Ich rufe im Kinderhospiz an. Hier die Mama von Josef, sage ich. Wie geht es ihm? Unserem Josef. Gut geht es dem Josef. Im Garten waren sie. Er hat viel gekuschelt. Es war ein schöner Tag, sagt die Schwester. Ich frage nach den Krämpfen. Heute Nachmittag hatte er keine Krämpfe, sagt sie. Es ist gut. Mit Josef. Es ist gut mit ihm. Heute Nachmittag.

Wir verabschieden uns. Bis Morgen, sage ich. Morgen sind wir wieder da. Und Küsse für Josef, ja. Küsse. Klara ist müde. Ich lese ihr vor. Sie schläft ein. In unserer Mitte. Unsere Klara. Wir liegen eine Weile so da. Ganz ruhig.

Uli schaut dann im Internet. Nach Wohnungen und Häuser. Sagt, es ist schwierig. Dann zeigt er mir eine Wohnung. Vier Zimmer. Zwei Bäder. Erdgeschoß. Mit Garten. Schön gelegen. Relativ günstig. Klara könnte von da aus zur Schule laufen. Der Integrationskindergarten wäre gleich um die Ecke. Uli schreibt sofort eine Mail. Bittet um einen Besichtigungstermin. Das wäre toll. Diese Wohnung, sage ich.

Wir sprechen ganz leise. Eine ganze lange Weile. Schauen wie sich der Abend über die Stadt ergießt. Malen uns die Zukunft aus. Mit unserem Josef. Unserer Klara. Wie es doch noch gut werden kann. Mit unseren Kindern. Es tut gut. Das Ausmalen in hellen Farben. Es tut gut. Dann gehen wir ins Bett. Schlafen.