Um 7.00 Uhr werde ich wach.

Die Sonne scheint etwas. Etwas Licht, denke ich. Wir brauchen mehr Licht. Klara schläft noch. Uli ist schon wach. Schaut, ob eine Antwortmail kam. Noch nichts, sagt Uli. Noch nichts. Es ist ja noch früh, sage ich.

Klara wird wach. Möchte fernsehen. Es sind doch Ferien. Gut, sage ich. Gut. Ich stehe auf. Gehe duschen. Heute beeile ich mich. Ich bin aufgeregt. Freue mich auf Josef. Ihn endlich wieder zu spüren. Ihn zu halten. Ihm zu erzählen. Von Amsterdam. Von unseren Plänen. Von unserer Zukunft. Von unserer Liebe.

Ich rufe im Kinderhospiz an. Sage, hier ist die Mama von Josef. Wie war seine Nacht? Wie geht es ihm? Josef hat die Nacht durchgeschlafen. Heute Morgen hatte er wieder eine Krampfserie. Die Krämpfe hörten von allein auf. Sein Sekret ist etwas gelblich und zäh. Temperatur hatte er nicht, sagt die Schwester. Jetzt wird Josef gebadet. Das Morgenbad.

Gut, sage ich. Wir kommen heute. Heute Nachmittag sind wir wieder da. Sagen sie doch bitte unserem Josef, wir sind bald wieder bei ihm. Ja, sagt die Schwester. Das mache ich. Wir verabschieden uns. Einatmen und Ausatmen.

Wir frühstücken. Mit meinen Gedanken bin ich nicht mehr in Amsterdam. Meine Gedanken sind schon vorgereist. Sind bei Josef. Meine Gedanken. Mein Körper frühstückt. Meine Augen schauen über die Stadt. Die Sonne scheint. Irgendwie kommt es nicht an. Bin schon nicht mehr da. Klara. Isst Pfannkuchen mit Sirup. Ich bin so stolz auf sie. Wie sie sich selbstverständlich die Pfannkuchen macht. Sich selbstverständlich in diesem Frühstücksraum bewegt. Meine große, kleine Klara.

Uli telefoniert. Vereinbart einen Besichtigungstermin. Ich freue mich. Wir werden uns diese Wohnung anschauen. Etwas ändern. Ändern was wir ändern können. Wir geben das Gepäck ab. Haben noch etwas Zeit. Bis der Flug geht. Wir vertreiben uns die Zeit. Treiben sie vor uns hin. Können uns alle nicht mehr einlassen auf diese Stadt. Das Einlassfenster hat sich verschlossen. Wir sind schon nicht mehr da.

Dann fahren wir mit dem Gepäck zum Flughafen. Endlich geht der Flug. Wir landen. Eilen zum Bus. Wollen doch ganz schnell zum Josef.

Sind da. Da im Kinderhospiz. Freuen uns. Endlich sind wir da. Gehen sofort zu Josef. Die Schwester hält ihn im Arm. Ganz liebevoll. Wie schön das ist. So viel Liebe, mein Josef. So viel Liebe. Sie gibt mir Josef. Sagt, alles gut. Wir haben viel gekuschelt. Am Nachmittag hat er zweimal kurz gekrampft. Sonst war Josef sehr entspannt.

Ich halte meinen Josef. Küsse ihn. wir sind wieder da, mein Josef. Wir sind wieder da. Ich setze mich mit ihm auf das kleine Sofa. Erzähle Josef von unseren Plänen. Von Amsterdam. Klara schenkt ihm den Buddha. Stellt ihn an das Kopfende von seinem Bett. Er soll dich beschützen. Dieser Buddha.

Uli und Klara bringen unsere Sachen ins Elternzimmer. Kommen dann wieder. Mit Broten. Uns wurden Brote gemacht. Wir müssen doch was essen, hat die Hauswirtschaftsfrau gesagt. So viel Liebe, mein Josef. So viel Liebe ist hier. Zusammen schauen wir bei Josef Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Kommt wieder. Zu uns.

Josef ist eingeschlafen. Ich lege ihn in sein Bett. Der Buddha an seinem Kopfende. Ich schalte den Monitor an. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 94. Alles gut, denke ich. Alles gut.

Wir sitzen noch bei Josef. Eine kleine Weile. Sagen dann der Schwester Bescheid.

Gehen in den Garten. Setzen uns auf die Bank. Sind ganz leise. Ich bin ganz ruhig. In mir ist Ruhe eingekehrt. Wir sind wieder zusammen. Alle wieder zusammen.

Wir gehen ins Haus. Im Foyer brennt eine Kerze. Ein Kind ist gestorben. Es ist ruhig. Im Haus ist es ruhig. Stille.

Wir gehen zu Josef. Er schläft. Ich küsse ihn. Ganz sanft. Mir laufen Tränen. Tränen um das Kind. Die Schwester kommt. Wir fragen, wegen der Kerze. Gerade eben, sagt sie. Das Kind. Es kam vor zwei Tagen. Die Tränen. Laufen. Einatmen und Ausatmen. Stille. Es ist still. Wir sind bei Josef. Dann gehen wir ins Bett. Wir sind bei Klara. Es ist still. Stille.