Es ist 6.30 Uhr.

Es ist noch dunkel draußen. Klara liegt mit ihrem Rücken zu mir. Sie schläft. Ich höre sie atmen. Uli schläft auch noch. Ich bleibe liegen. Ich fühle mich sicher. Hier.

Weiß, ich kann mich auf die Menschen hier verlassen. Kann loslassen von der Anspannung. Von dem Gefühl, für alles verantwortlich sein zu müssen. Kann ein Stück von der Last und der Schwere abgeben.

Es fühlt sich anders an. Hier. Ich spüre den Schmerz und die Trauer um Josef stärker. Um das, was er nicht kann. Das was ihm genommen wurde. Hier hat die Trauer und der Schmerz Platz. Hier ist ein Platz dafür. Um dann die Liebe stärker spüren zu können. Dafür braucht es auch die Trauer um das Verlorene. Mir laufen stille Tränen. Einatmen und Ausatmen.

Ich spüre mich. Dann stehe ich auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Klara und Uli schlafen. Noch. Ich schreibe einen Zettel: Guten Morgen meine Lieben. Bin bei Josef. Anne.

Ich gehe in den Gemeinschaftsraum. Es ist ganz ruhig. Noch nichts zu spüren von dem Tagesgeschäft. Ich hole mir einen Kaffee. Gehe den Gang entlang. Dann rechts. Josef schläft. Herzfrequenz 122. Sauerstoffsättigung 98. Er liegt auf dem Bauch.

Ich streichele seinen Kopf. Dann fahre ich mit meinem Finger ganz sanft über seinen Augenbrauen. Sie sind ganz hell. Wie meine. Er hat meine hellen Augenbrauen. Meine Augenpartie.

Mein Josef. Seine Augen sind einen kleinen Spalt offen. Er kann sie nicht richtig schließen. Am Abend und am Morgen bekommt er Salbe in seine Augen. Damit sie nicht austrocknen. Seine Augen. Ich fahre mit meinem Finger über seine schöne Nase. Unter dem linken Nasenflügel ist ein roter Fleck. Den hat er schon immer. Immer. Wie sich das anhört. Immer.

Die Schwester kommt. Ganz leise. Sagt, Josef hat kein Fieber mehr. Das Sekret ist noch gelb. Er wird öfter inhaliert. Durchgeschlafen hat Josef, sagt sie. Alles gut. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter. Das fühlt sich gut an. Gerade. Hier. Jetzt. Ich höre Uli den Gang entlang kommen. So ruhig ist es heute. Ich frage die Schwester nach dem Jungen. Der sonst so laut ist. Er schläft noch, sagt sie. Gut, sage ich. Schlafen ist gut.

Sie fragt nach dem Bad. Später, sage ich. Später. Josef schläft. Lange. Kurz vor 9.00 Uhr wird er wach. Inhalation. Ansaugen. Ausziehen. Küssen. Ins Bad gleiten lassen. Genießen. Abtrocknen. Einölen. Anziehen. In den Gemeinschaftsraum. Es sind schon alle da, als wir kommen.

Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Dann ziehen wir uns zurück. Die Physiotherapeutin kommt zu Josef. Eine andere Frau. Mit großen Locken. Schön ist sie. Diese Frau. Sie ist sehr bedacht mit Josef. Achtet auf jede Reaktion von ihm. Vergewissert sich bei uns, was die Reaktionen wohl bedeuten. Sie verabschiedet sich.

Ich nehme meinen Josef. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich lege Josef auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Er schläft ein. Der Tag fliegt. Fliegt dahin.

Am Nachmittag kommt eine Schwester. Von unserem Pflegedienst. Sie darf heute hier sein. Lernen von den Schwestern und Pflegern im Kinderhospiz. Sie ist reserviert. Fragt mich, was sie hier soll. Sie kennt doch Josef. Ich bin erst still. Dann sage ich, noch mehr über Josef lernen. Von den Erfahrungen hier mit Kindern wie Josef lernen. Dafür bist du hier.

Ich brauche das nicht, sagt sie. In meinem Kopf blitzen Szenen von zu Hause auf. In denen sie unsicher war. Angst hatte. Ich sage nichts. Zu diesen Szenen. Habe den Eindruck, sie fühlt sich vorgeführt. Kann das Angebot nicht annehmen. Hier zu sein. Von den erfahrenen Schwestern und Pflegern zu lernen. Einatmen und Ausatmen.

Die Spätdienstschwester kommt zu uns. Ich stelle beide gegenseitig vor. Gebe ihnen mein Josef. Mein Josef. Vorher küsse ich ihn, meinen Josef. Einatmen und Ausatmen.

Wir gehen zu Klara und den Geschwisterkindern. Sie sind im Spielzimmer. Mit einigen Gästen. Schwester und Pfleger. Ein Gast liegt im Bällebad. Genießt es sichtlich. Eine Schwester sitzt mit einem kleinen Gast in der Schaukel. Es ist schön. Eine schöne Stimmung. Gern hätte ich Josef bei mir. Doch heute wird ja gelernt. An Josef wird gelernt.

Dann gehen wir ins Gemeinschaftselternzimmer. Die Eltern der Geschwisterkinder haben heute gekocht. Für uns. Josef haben wir leider nicht mit dabei. Wir sind befangen. Zuerst. Sind vorsichtig. Dann fragt der Vater. Direkt. Was mit Josef ist? Wir erzählen. Wir fragen nach ihrer Geschichte. Sie erzählen. Wir sitzen. Erzählen. Uns unsere Geschichten. Mit unseren Kindern. Essen. Manchmal vergessen wir zu essen.

Irgendwann sind wir erschöpft vom Erzählen. Umarmen uns. Herzlich. Herzensumarmungen. Es ist spät, als wir uns verabschieden. Wir gehen noch einmal zu Josef. Wollen schauen. Er liegt in seinem Bett. Schläft. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 96.

Die Schwester kommt. Sagt, sie hat unsere Pflegedienstschwester nach Hause geschickt. Sagt, es ist schwer. Sie hört nicht zu. Hört mir nicht zu. Schade, sage ich. Es wäre doch so wichtig. Für Josef. Für sie. Wir gehen ins Elternschlafzimmer. Klara liegt schon im Bett. Liest. Uli liest ihr dann vor. Macht das Hörspiel an. Irgendwann schlafen wir. Irgendwann.