390 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

, Kinderhospiz

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ich stehe auf. Heiligabend heute. Komisch fühlt es sich an. Komisch. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft noch. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 96.

Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Schreibt. In der Akte. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe ins Wohnzimmer. Josef wird gerade wach. Die Schwester steht an seinem Bett. Nimmt ihn in den Arm.

Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihr Josef ab. Frage nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Er hatte wieder Sauerstoffsättigungsabfälle. Sonst war es eine ruhige Nacht. Gut, sage ich. Gut. Die Pflegeüberleitung hat sie geschrieben, sagt sie. Schön, sage ich. Die Schwester spült die Inhalette aus. Wir wünschen uns frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Dann ist sie weg.

Ich lege Josef auf meine Knie. Kuschel ihn ein. Helfe ihm beim Atmen. Uli kommt zu uns. Aus dem Schlafzimmer höre ich den Fernseher. Heiligabend ist heute, sage ich zu Uli. Ja, sagt Uli. Wieder ein anderer Heiligabend. Ohne Weihnachtsbaum. Den brauchen wir ja nicht. Sind ja im Kinderhospiz.

Uli packt Sachen zusammen. Die Inhalette, Absauge, Stillkissen und den Monitor. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Küsse ihn. Halte seinen schönen Kopf in meinen Händen. Wie schön du doch bist. Wie schön, mein Josef. Klara steht auf. Die letzten Türchen von den Kalendern werden aufgemacht. Schokolade.

Wir frühstücken. Josef bekommt seinen Brei. Uli packt alles ins Auto. Den Therapiestuhl. Kinderwagen. Unsere Sachen. Geschenke. Das Auto ist voll. Bis oben ist es voll. Dann fahren wir los. Kommen gut durch.

Sind da. Werden im Foyer empfangen. Endlich, heißt es. Endlich seid ihr da. Die Hauswirtschaftsfrau holt einen Wagen für unsere Sachen. Sie hat eine rote Mütze auf. Es ist doch Weihnachten. Sie tut mir gut. Sie ist auch da. Heute. Bleibt bis zum Abend. Welch ein Geschenk.

Josef bekommt sein altes Zimmer. Das Zimmer vom ersten Aufenthalt. Es ist uns vertraut. Wie uns fast alles vertraut ist. Hier. Klara ist gleich verschwunden. Auch die anderen Geschwisterkinder sind da. Wir führen das Aufnahmegespräch. Es dauert nicht lang. Wir kennen uns. Ja. Mir laufen Tränen. Zwischendurch.

Dann gehen wir kurz los. Uli und ich. Lassen die Kinder kurz im Kinderhospiz. Kaufen ein. Windeln für Josef. Schauen an der Kirche vorbei. Um 14.00 Uhr ist Christvesper. Wir eilen ins Kinderhospiz.

Ich trage Josef. Klara kommt an die Hand. Uli trägt die Absauge. Wir stehen vor der Kirche. Es ist voll, sagt der Mann. Es tut mir leid, sagt er. Kommen sie später, sagt er auch. Uli spricht mit ihm. Zeigt auf Josef. Auf uns. Dann schiebt er uns in die Kirche. Hinten links ist noch Platz. Wir setzen uns. Mir laufen Tränen. Die ganze Zeit.

Ich küsse Josef. Klara auch. Stille Nacht. Heilige Nacht. Vor einem Jahr, mein Josef. Vor einem Jahr. Und jetzt, mein Josef. Wir sind zusammen. Hier. In dieser Kirche. Welch ein Glück wir doch haben. Mit dir, mein Josef. Welch ein Glück.

Nach der Christvesper eilen wir ins Kinderhospiz. Der Tisch ist gedeckt. Ein Tisch für die Geschwisterkinder steht im Flur. Wir sind viele Menschen. Singen Lieder. Der Weihnachtsmann kommt. Durch den Garten. Klara ist aufgeregt. Bekommt Geschenke. Josef auch.

Ich halte mich an Josef fest. Zu viele Eindrücke. Kann sie kaum verarbeiten. Zum Abendessen gibt es Kartoffelsalat und Würstchen. Dann ziehen wir uns ins Elternzimmer zurück. Klara packt Geschenke aus. Sie ist glücklich. Überglücklich. Josef liegt in meinem Arm.

Uli telefoniert mit seinen Eltern. Es ist ja Heiligabend. Dann gehen wir ins Josefs Zimmer. Inhalieren ihn. Saugen ihn ab. Sind ganz bei Josef. Bei uns. Bekommen Besuch. Besuch von Freunden. Freunde, die nicht wussten wohin. In diesem Jahr. Ihr Kind starb. In diesem Jahr. Hier.

Nun sind sie da. Bei uns. Mit uns. Halten uns. Heiligabend. Haben kleine Geschenke. Für Josef ein Lagerungskissen. Für Klara etwas zum Basteln. Wir umarmen uns zum Abschied. Sie machen sich auf den Weg. Wie so oft in diesem Jahr. Machen sie sich auf den Weg.

Uli legt Josef in sein Bett. Er schläft. Wir sagen der Schwester Bescheid. Finden Klara im Jugendzimmer. Mit den Geschwisterkindern. Sie essen Süßigkeiten. Schauen einen Film. Lachen. Sind glücklich, sich zu haben. Freuen sich auf die Tage. Hier. Zusammen. Im Kinderhospiz.

Irgendwann gehen wir ins Elternzimmer. Schauen fern. Liegen lange wach. Schlafen ein. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 24. 12. 2018


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