, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ich schalte ihn aus. Die Tür klappert. Ich bleibe liegen. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. In meinem Kopf.

Die Katze. Macht so deutlich. Das Machtverhältnis. Wir Eltern dürfen nicht selbst bestimmen. Um Erlaubnis müssen wir fragen. Müssen. Sonst müssen wir mit den Konsequenzen leben. Müssen. Dann kommt die Tagdienstschwester nicht mehr. Auch keine andere Schwester. Das hat die Pflegedienstleitung gesagt.

Gibt es in unsere Hand. Entweder die Schwester oder die Katze. Wie absurd, denke ich. Was sollen wir Klara sagen? Wir müssen die Katze wieder weggeben. Wegen den Schwestern. Hab doch Verständnis, liebe Klara. Du weißt doch, liebe Klara. Einatmen und Ausatmen. Nein, meine Klara. Du musst nicht verstehen.

Nein. Du musst kein Verständnis haben. Dann die Katze, denke ich. Dann die Katze. Schäme mich. Für das Machtgerangel. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Gehe auf den Balkon. Kinder kommen. Werden von den Eltern gebracht. Es ist bedeckt. Ein bedeckter Tag. So fühle ich mich. Auch.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ist glücklich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Josef, mein Josef. Die Schwester steht bei ihm. Gibt ihm Tee. Medikamente. Über den Bauchschlauch.

Ich frage nach der Nacht. Die Atmung, sagt sie. Ist nicht gut. Viel zähes Sekret. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Okay, sage ich. Okay. Ich streichele Josefs Kopf. Küsse ihn. Josef, mein Josef. Mein Bär.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Klara, denke ich. Wir werden für dich einstehen. Für dich und deine Katze. Einatmen und Ausatmen. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Es klingelt. Die Schwester. Ich frage sie nach einer Katzenallergie. Nein, sagt sie. Hat sie nicht. Okay. Ich gehe aus Josefs Zimmer. Bitte darum, dass sie mich ruft, wenn Josef wach wird.

Uli sitzt am Küchentisch. Ganz versunken. Schaut aus dem Fenster ohne aus dem Fenster zu schauen. Ich setze mich zu ihm. Wir sind still. Die Schwester ruft. Anne, Josef ist wach.

Ich gehe in sein Zimmer. Küsse ihn. Inhalation. Absaugen. Morgenbrei. Schlummer. Physiotherapie. Drehen und wenden. Schlaf. Inhalation. Absaugen. Mittagsbrei. Schlummer. Inhalation. Absaugen. Auf die Knie legen. Die Schwester verabschiedet sich.

Uli holt Klara. Kaffee. Tee. Kekse. Josef in meinen Armen. Die Katze. Traut sich raus. Erkundet die Wohnung. Josefs Zimmer ist verschlossen. Sie trinkt die Katzenmilch.

Dann durchfährt es mich. Schmerz. Am ganzen Körper. Die Katze. Die kleine Katze. Was sie alles kann. Trinken. Laufen. Rennen. Schnurren. Atmen ohne Anstrengung. Das kann sie alles. Sie ist 6 Wochen alt. Josef kann das nicht. Kann das alles nicht, was die Katze kann. Einatmen und Ausatmen.

Plötzlich verändert sich die Atmung von Josef. Sie zieht. Er wird blau. Uli saugt Josef ab. Inhalation. Cortisongabe. Temperatur 39,6. Schmerzmedikament. Uli ruft das SAPV-Team an. Sie besprechen den Plan. Den Plan für die nächsten Stunden. Medikamente. Inhalation. Josef schlummert ein. In meinem Arm. Ich küsse ihn.

Klara spielt mit der Katze. Sie ist glücklich. Einatmen und Ausatmen. Ich lege Josef vorsichtig auf das Lagerungskissen. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 150. Sauerstoffsättigung 92. Wir essen Abendbrot. Brot gibt es. Ich habe keinen Hunger. Keinen Appetit. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Klara hält die Katze in ihrem Arm. sie ist glücklich. So habe ich sie lange nicht mehr gesehen.

Ich spüre. Ich kann die Katzenlebendigkeit nicht an mich ranlassen. Sie nicht ganz und gar in mein Herz schließen. Dazu schmerzt es zu sehr. Einatmen und Ausatmen.

Ich bringe Klara in ihr Bett. Lese ihr und der Katze vor. Mache das Hörspiel an. Küsse sie. Auf ihren Kopf. Josef, mein Josef. Er schlummert. Seine Atmung zieht. Uli inhaliert. Saugt ab. Wir sind ruhig. Konzentriert und ruhig. In solchen Situationen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli ruft das SAPV-Team an. Der Plan für die Nacht wird besprochen. Wann was gegeben werden soll.

Ich bin froh um unsere Nachtschwester. Sehr froh. Um ihre Offenheit. Ihr Vertrauen in uns. In das SAPV-Team. Das sie mit uns geht. Neben uns steht. Nicht urteilt. Wertet. Dass sie Josef sieht. Uns sieht. Ihren Auftrag wahrnimmt. Darum bin ich froh. Ich kann mich auf sie verlassen. Wir können es. Uns auf sie verlassen. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 23.06.2019


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