572 | Ich bin wach. Es ist 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Ich bin wach. Es ist 6.30 Uhr. Die Tür klappert. Ich warte. Stehe auf. Bin angespannt. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Tränen laufen. Stille Tränen. Laufen und laufen. Machen Platz. Für neue Tränen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Sie fragt, ob sie eine Freundin mitbringen darf. Sie möchte die Katze zeigen. Ja, sage ich. Vielleicht. Morgen. Wir besprechen das.

Ich möchte nicht sagen, Josef geht es schlecht. Es geht. Möchte nicht, dass sie Rücksicht nimmt. Immer und immer wieder. Zurück steckt. Einatmen und Ausatmen. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft in seinem Bett. Neben ihm steht die Sauerstofftonne.

Die Schwester gibt ihm Tee. Medikamente. Über den Bauchschlauch. Seine Atmung zieht. Sie hört sich ungewohnt an. Unregelmäßig. Ich frage nach der Nacht. Nach Plan hat sie alles gemacht. Gegen 5.00 Uhr hörte Josef auf zu atmen. Aus dem Schlaf. Er schlief und atmete nicht mehr. War ganz ruhig. Die Sauerstoffsättigung sank auf 60.

Dann seufzte er. Atmete wieder. Die Herzfrequenz ging hoch. Die Sauerstoffsättigung auch. Sie hat ihn dann inhaliert. Sauerstoff gegeben. Abgesaugt. Im Arm gehalten. Okay, sage ich. Okay. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Uli kommt zu uns. Die Schwester erzählt noch einmal.

Uli ruft das SAPV-Team an. Sie kommen, sagt die Palliativschwester. Josef, mein Josef. Wo bist du? So weit weg. Schon. Ich sehe dich nicht mehr schweben. Außer Reichweite bis du. Mir laufen Tränen. Ich stehe bei Josef. Streichele seine Locken. Küsse ihn. Er atmet unregelmäßig. Schluchzt etwas.

Ich küsse ihn. Möchte ihn am liebsten in den Arm nehmen. Auf meine Brust legen. Auf mein Herz. Herzenergie für Josef. Vielleicht kann mein Herz ja für ihn mitschlagen? Die Schwester sagt, sie bleibt noch. Bis die Tagdienstschwester kommt. Gut, sage ich. Gut. Es klingelt. Die Tagdienstschwester. Sie sprechen. Machen eine Übergabe.

Unsere Nachtdienstschwester geht. Am liebsten würde ich sie umarmen. Tue es nicht. Zu viel Nähe. Wäre das. Zu viel Nähe. Josef wird wach. Ich nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Er ist schlapp. Erschöpft. Ich inhaliere Josef. Uli saugt ihn ab. Ziehe ihn vorsichtig um. Die Schwester legt sich Josef auf die Knie. Mit dem Kopf nach unten.

Er bekommt Sauerstoff. Seine Nase muss regelmäßig befeuchtet werden. Der Sauerstoff trocknet die Schleimhäute aus.

Es klingelt. Das SAPV-Team. Josef wird abgehört. Kein Infekt, sagt die Ärztin. Ich weiß, was es bedeutet. Kein Infekt. Das ist der Sterbeprozess. Das weiß ich. Es schmerzt. Tief. Wir können nicht viel machen. Nur inhalieren. Absaugen. Flüssigkeit geben. Josef beobachten. Bei ihm sein. Ihn spüren. Einlassen. Lassen. Ihn lassen. Halten. Mir laufen Tränen. Sage, es schmerzt.

Wir sind still. Beieinander. Die Ärztin fragt, ob wir etwas brauchen. Nein, sage ich. Wir schaffen es, sage ich. Meine, wir schaffen es auszuhalten. Wir schaffen es, Josef zu halten. Sie streicht mir über den Arm. Sagt, wir sind da. Fragt, ob wir ins Kinderhospiz wollen. Wir entscheiden uns dagegen. Erst einmal. Dagegen. Wollen zu Hause sein.

Josef liegt abwechselnd auf meinen Knien. Oder bei Uli. Oder der Schwester. Es klingelt. Die Logopädin. Wellness heute. Für Josef. Ich hole Klara ab. Vom Keramik. Ihre Freundin darf sie mitbringen. Kurz. Sie verschwinden in Klaras Zimmer. Mit der Katze. Ich nehme sie gar nicht mehr wahr. Die Katze. Keinen Platz für sie in mir. Die Schwester verabschiedet sich.

Josef liegt auf mir. Oder auf Uli. Ist erschöpft. Seine Atmung wird ruhiger. Regelmäßiger. Ich hoffe. Ein wenig. Vielleicht haben wir doch ein wenig Zeit mit dir, mein Josef. Ich handele innerlich. Bitte um mehr Stunden. Tage. Wen bitte ich? Wen eigentlich? An wen sind meine Stoßgebete gerichtet? An wen? Einatmen und Ausatmen.

Die Freundin von Klara wird abgeholt. Uli kümmert sich. Ich sehe die Mutter nicht. Wir essen Abendbrot. Zusammen. Josef bekommt etwas Abendbrei. Stark verdünnt. Tee. Medikamente.

Wir schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an. Wo ist eigentlich die Katze? Bei Klara? Egal, denke ich. Dann tut sie mir leid. Die Katze. Hat viel mehr Zuwendung verdient. Viel mehr.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester der letzten Nacht. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 95. Sauerstoffsättigung 96. Ich küsse Josef. Hoffe. Wir gehen ins Bett. Schlaf?

Veröffentlicht am: 24.06.2019


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