391 | Um 7.15 Uhr werde ich wach.

, Kinderhospiz

Um 7.15 Uhr werde ich wach. Brauche eine Weile. Zur Orientierung. Klara schläft neben mir. Uli ist wach. Liegt auf der Seite. Schaut mich an. An mir vorbei? Durch mich durch?

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ich höre den Fernseher. Klara ist wach. Ich gehe ins Zimmer. Guten Morgen. Uli steht auf. Geht ins Bad. Ich lege mich zu Klara. Schaue auf den Bildschirm. Verstehe nichts.

Klara kuschelt sich an mich. Sagt, das war schön gestern. Können wir nächstes Jahr wieder hier feiern? Bitte! Mal sehen, sage ich. Mal sehen. Uli kommt zu uns. Dann gehen wir beide los. In den Gemeinschaftsraum. Holen uns einen Kaffee.

Es ist still. Noch ist es still im Kinderhospiz. Wir gehen den Gang entlang. Dann rechts. Josef ist wach. Er sitzt in seinem Therapiestuhl. Ein Tuch um seinen Hals. Das Sekret läuft. Läuft in Strömen. So wie es sein muss am Morgen.

Eine Schwester ist bei Josef. Sie wirkt leicht. Sagt, Josef hat gut geschlafen. Das Baden hat er sehr genossen. Schön, dass ihr wieder da seid, sagt sie. Streicht mir über den Arm.

Wie schön es ist. Willkommen zu sein. Wie schön. Wir sitzen bei Josef. Trinken Kaffee. Erzählen. Erzählen Leichtes. Dann schieben wir Josef in den Gemeinschaftsraum. Ehrenamtliche bereiten das Frühstück vor. Es gibt Pfannkuchen. Obstsalat. Frische Brötchen.

Wir setzen uns gegenüber der Fensterfront. So können wir in den Garten schauen. Es ist nicht so trüb heute. Aber. Immer noch kein Schnee. Uli holt Klara. Nach und nach werden die Gäste gebracht. Schwestern und Pfleger kommen. Eltern. Geschwisterkinder.

Es ist laut heute. Monitore piepen. Absaugen rauschen. Es wird gelacht. Das gehört ja alles hier her. Das Rauschen und Piepen. Dabei darf gelacht werden. Ich nehme Josef aus seinem Therapiestuhl. Halte ihn in meinem Arm. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Die Schwester hat mir alles gebracht. Das kleine Tablett mit seinen Medikamenten, dem Tee und seinem Brei. Es ist schön, sich nicht kümmern zu müssen. Einfach nur da zu sein.

Nach dem Frühstück bleiben wir sitzen. Ich setze mich auf den großen Sessel direkt an der Fensterfront. Einige Gäste bleiben auch. In ihren Rollstühlen und Therapiestühlen. Schwestern sind bei uns. Geben Medikamente. Nehmen Gäste aus ihren Stühlen. Halten sie.

Klara spielt mit den Geschwisterkindern im Garten. Sie sind glücklich, sich wieder zu haben. Machen Pläne. Für die Ferien.

Dann ziehen wir Josef an. Ziehen uns an. Wollen es wagen. Einen Weihnachtspaziergang. Uli holt den Kinderwagen. Wir legen Josef in den Wagen. Lagern ihn seitlich. Damit das Sekret aus seinem Mund fließen kann. Uli kuschelt ihn ein. Ich mache Josef sein Körnerschaf warm. Lege es an seine Füße. Klara möchte nicht mitkommen. Bleibt bei den Geschwisterkindern und ihren Eltern.

Wir gehen eine Runde. Uli schiebt den Wagen. Meine Augen sind immer und immer auf Josef gerichtet. Am frühen Nachmittag sind wir wieder da. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Der Spätdienst kommt zu uns. Wir besprechen den Nachmittag. Josef bleibt heute bei uns, sage ich. Gut, sagt sie. Gut. Ich bin aber da, sagt sie. Wenn ihr mich braucht. Ja, sage ich. Ja. Am Nachmittag ist es still. Wir sitzen im Gemeinschaftsraum. Trinken Kaffee. Tee. Essen Stollen. Von gestern. Schauen in den Garten. Wie es dunkel wird.

Abwechselnd halten wir Josef. Legen ihn uns auf die Knie. Wechseln die nassen Tücher aus. Küsse Josef. Sind leise. Spüren nach. Spüren vor. Geht das denn? Das Vorspüren? Spüren, wie könnte es sein. Das nächste Jahr. Einatmen und Ausatmen.

Zum Abendessen werden die Gäste gebracht. Pfleger und Schwestern. Einige Gäste bleiben in den Zimmern. Zu verletzlich. Zu kritisch ihr Zustand. Sagen die Eltern. Holen sich nur rasch. Etwas zu Essen. Verschwinden wieder. In den Gästezimmern.

Alles darf hier sein. Alles Nebeneinander. Miteinander. Das Lachen. Das Weinen. Das Stabile. Instabile. Das Leben. Das Sterben. Alles hat seinen Platz. Hier. Darf gelebt werden. Bis zum Schluss. Darüber hinaus. Da auch.

Nach dem Abendessen gehen wir in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Josef schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor ein. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 96. Wir geben der Schwester Bescheid.

Gehen zu Klara. Sie schaut im Jugendzimmer fern. Mit den Geschwisterkindern. Sie ist geschafft. Heute haben sie den ganzen Tag in der Küche gebacken. Morgen wird es eine Überraschung geben. Wir ziehen uns zurück. Irgendwann. Gehen alle ins Bett. Schlafen Irgendwann.

Veröffentlicht am: 25. 12. 2018

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