573 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr. Ich bin wach. Schon lange. Die Tür klappert. Ich bleibe liegen. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee.

Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Sie wirkt leicht. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe zu Josef. Er liegt im Arm der Schwester. Ganz gemütlich. Ich setze mich auf den Boden. Küsse Josef. Frage nach der Nacht.

Sie sagt. Kein Fieber. Die Atmung ist mäßig. Er war zeitweise sehr unruhig. Die meiste Zeit lag er in ihrem Arm. Er braucht kein Sauerstoff mehr. Gut, sage ich. Gut.

Ich nehme ihn. Küsse Josef. Setze mich auf das Sofa. Lege Josef über meine Knie und meine Beine. Sein Oberkörper und Kopf liegen schräg nach unten. So kann Josef besser atmen.

Klara geht los. Los in die Schule. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Das Telefon klingelt. Die Pflegedienstleitung. Heute kommt kein Tagdienst. Eine andere Familie braucht den Dienst dringender als wir. Ob es in Ordnung ist? Ich sage, Josef geht es schlecht. Wir bräuchten eigentlich. Die Pflegedienstleitung sagt, in der anderen Familie sieht es noch schlechter aus. Einatmen und Ausatmen.

Gut, sage ich gut. In meinem Kopf kreist es. Schlecht. Schlechter. Am schlechtesten. Sterbend. Sterbender. Am sterbendsten. Mir laufen Tränen. Laute Tränen.

Uli kommt zu uns. Josef. Josef, mein Josef. Schlummert. Wir schaffen es, sagt Uli. Ja, sage ich. Ja. Josef. Ich küsse ihn. Helfe ihm beim Atmen. Mit meinen Händen. Inhalieren. Absaugen. Tee. Geben. Brei. Ein wenig. Medikamente.

Er ist den ganzen Tag entweder bei Uli oder mir. Wir legen ihn nicht ab. Wir atmen zusammen. Josef. Uli. Ich. Klara. Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Sie dreht und wendet Josef. Er schläft wieder ein. Sie erzählt von dem verstorbenen Kind. Das sie ihn lange begleitet hat. Innerlich gesehen hat, wie er starb. Er ihr begegnet ist. Innerlich.

Josef, findet sie. Ist stabil. Er stirbt noch nicht. Das fühlt sie. Ich möchte ihr das glauben. So gern. Und doch macht sich ein Gefühl breit. Das Gefühl. Josef wird nicht gesehen. Nicht ernst genommen.

Oder irren wir uns? Irren wir uns in unserer Wahrnehmung? Dass sich Josef immer mehr ablöst. Immer höher schwebt. Wir ihn manchmal nicht mehr greifen können. So weit weg ist er da schon.

Sehr lange war er nicht mehr wirklich da. Bei uns. Sehr lange. Josef, mein Josef. Du schwebst schon dein ganzes Leben. Die Physiotherapeutin geht. Zu einer Familie. Der geht es schlechter. Viel schlechter. Am schlechtesten.

Ich hole Klara vom Hort ab. Sie freut sich. Heute kommt die Familienbegleiterin. Ihre erste Familienbegleiterin. Sie ist wieder da. Von ihrer Reise.

Zu Hause. Tee. Kaffee. Kekse. Josef liegt bei uns. Sein Körper ist da. Er atmet gleichmäßiger. Das ist gut. Ein gutes Zeichen, denke ich. Oder? Was ist schon ein gutes und ein schlechtes Zeichen? Wie werte ich was? Ich kann mich nirgens orientieren. Nur an dem, was ich wahrnehme. Fühle.

Es klingelt. Die Familienbegleiterin. Wir freuen uns. Es ist laut. Sie sitzt bei uns. Eine Weile. Dann zieht Klara sie in ihr Zimmer. Sie lachen. Wir hören es. Die Sonne scheint.

Ich höre auf, mich orientieren zu wollen. Es führt zu nichts. Heute ist Heute. Wir legen Josef in seinen Kinderwagen. Sonne, Josef. Sonne. Wir gehen eine Runde. Gartenrunde. Heide. Tee. Medikamente. Meine Augen immer auf Josef gerichtet.

Zu Hause. Inhalation. Absaugen. Die Familienbegleitung bleibt. Zum Abendessen. Nudeln mit Pesto. Für alle. Josef in meinem Arm. Bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Die Familienbegleitung verabschiedet sich. Mit Umarmungen. Sie lässt Energie da. Hat damit um sich geworfen. Wir sind dankbar.

Wir schauen Kinderfernsehen. Josef auf meiner Brust. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr und der Katze vor. Macht das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 25.06.2019


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