574 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. Bin wach. Schon lange. Die Tür klappert. Ich bleibe liegen. Fühle mich schwer. Schmerzschwer.

Die Katze hat einen neuen Platz gefunden. Am Fenster. Sie liegt auf den Sachen von Uli. Der wird sich freuen, denke ich. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt. Ich küsse. Auf den Kopf. Uli setzt sich zu Klara.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach. Die Schwester nimmt ihn aus seinem Bett. Seine Atmung. Ist schwer. Schwer aber gleichmäßig. Ich nehme Josef. Guten Morgen, mein Bär. Ich frage nach der Nacht.

Sie sagt, Josef hat gewimmert. Schmerzmittel hat sie ihm gegeben. Dann war es besser. Inhaliert wurde Josef auch. Extra. Okay, sage ich. Okay. Am liebsten war er in meinem Arm, sagt sie. Das glaube ich dir, antworte ich. Das glaube ich dir. Da ist es ja auch schön.

Sie lächelt. Räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Zum Abschied fragt sie, ob die Pflegedienstleitung uns schon Bescheid gegeben hat. Nein, sage ich. Der Tagdienst kommt heute nicht. Hat Migräne. Okay, sage ich.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich habe vergessen zu winken. Ich halte Josef. Küsse ihn. Inhaliere. Sauge ab. Tränen. Uli ruft bei der Pflegedienstleitung an. Der AB geht ran. Uli bittet um Rückruf. Einatmen und Ausatmen.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Überall. Seine Brust. Seinen Bauch. Seine Füße. Seine Hände. Seine Nase. Seine Stirn. Seinen schönen Mund. Josef, mein Josef. Wo bist du gerade? Ich habe das Gefühl, dich ein wenig zu spüren. Bist du wieder ein wenig zu uns geschwebt? Wieder etwas bei uns?

Ich nehme Josef in den Arm. Gehe ins Wohnzimmer. Lege Josef auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Uli sortiert. Telefoniert. Bestellt. Absaugkatheter. Spritzen. Medikamente. Scannt Rezepte ein. Verschickt sie. Was zu tun. Ins Tun kommen. Irgendwie. Gibt es Halt in der haltlosen Situation.

Das Telefon klingelt. Das SAPV-Team. Uli sagt, es geht Josef etwas besser. Mit dem Pflegedienst ist es schwierig. Gerade. Wir haben keinen Tagdienst. Uns wurde nur über die Nachtschwester Bescheid gegeben.

Die Palliativschwester sagt, dann müssen wir reden. Mit dem Pflegedienst. Ein gemeinsames Gespräch. Ja, sagt Uli. Ja. Unbedingt. Einatmen und Ausatmen.

Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Küsse ihn. Immer wieder. Halte ihn. Möchte ihn festhalten. Und weiß doch, es macht keinen Sinn. Festhalten. Einatmen und Ausatmen.

Es klingelt. Die Logopädin. Es ist schön sie bei uns zu haben. Sie begrüßt Josef. Ist behutsam. Wir erzählen. Offen. Das tut gut. Tut mir gut. Josef, mein Josef. Genießt. Ich hoffe, er genießt es. Hoffe. Hoffe. Hoffe. Sie verabschiedet sich.

Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Das Telefon klingelt. Die Pflegedienstleitung. Sagt, heute kann die Schwester nicht kommen. Uli, das haben wir auch schon gemerkt. Die Pflegedienstleitung, Sonntag kann sie vielleicht einen Pfleger schicken. Gut, sagt Uli. Gut. Legt auf. Einatmen und Ausatmen.

Ich fühle mich ausgeliefert. Der Situation ausgeliefert. Wir sind abhängig von so vielen Menschen. Mit unserem sterbenskranken Josef. Manchmal möchte ich weg. Einfach nur weg. Mit Klara. Mit Josef. Mit Uli. Weg von den Abhängigkeiten. Weg.

Es ist so schwer, es anzunehmen. Die Abhängigkeiten. Anzunehmen keine Kontrolle mehr zu haben. Über den Tag. Die Nacht. Die Stunden. Nicht zu wissen, was sein wird. Im nächsten Moment. Nicht zu wissen, kommt die Unterstützung die ich brauche. Die uns auf dem Papier zusteht.

Oder nicht? Wie lange kann ich mich weiter überfordern? Wie weit kann ich über meine Grenzen gehen? Wie weit noch? Einatmen und Ausatmen.

Josef liegt auf mir. Er atmet gleichmäßig. Ich inhaliere. Sauge ab. Gebe Medikamente. Küsse. Bin ganz innig heute mit Josef. Ganz innig. Uli holt Klara vom Hort. Bringt sie zur Musiktherapie. Sie kommen zurück. Bringen Pizza mit. Heute ist doch Pizzatag.

Gute Laune hat Klara. Das ist schön. Nicht so schwer werden, Anne. Nicht so bitter. Und manchmal. Da ist es schwer, nicht verbittert zu werden.

Wir essen die Pizza. Josef bekommt seinen Abendbrei. Medikamente. Tee. Küsse. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Die Katze erobert sich unsere Wohnung. Klara ist glücklich.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 26.06.2019


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