666 | Um 6.00 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 6.00 Uhr bin ich wach. Mein Herz. Stolpert. Einatmen und Ausatmen. Mir laufen Tränen. Klara und Uli schlafen. Ich setze mich. Mir ist schwindlig. Ich bin erschöpft. Fühle mich durchlässig. Ausgefranst.

Ich stehe auf. Gehe ans Fenster. Trinke Wasser. Es wird schön heute. Keine Wolke am Himmel. Ich setze mich auf den Sessel. Ziehe die Beine an. Irgendwann wird Uli wach. Klara auch. Sie möchte etwas fernsehen. Ja, sage ich. Ja. Es ist ja Wochenende.

Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Wir haben das Zimmer für uns. Werden nicht gehört. Sind für uns. Das ist gut. Zu durchlässig gerade. Wir gehen zum Frühstück. Eine große Runde. Wir sind vorsichtig. Miteinander. Ich kenne nicht alle. Weiß aber. Sie kennen Erzählungen. Über uns. Über Josef. Erzählungen über uns. Über uns. Über. Uns.

Nach dem Frühstück rufe ich im Kinderhospiz an. Josef schlief durch, sagt die Schwester. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Das Sekret ist flüssig. Gut, sage ich. Gut. Küsse für Josef. Küsse. Ja, sagt die Schwester. Ja.

Wir gehen spazieren. Klara hüpft und springt. Ich freue mich. Sie hüpft und springt. Wir nähern uns ein wenig an. Den Verwandten. Gegen Mittag sind wir zu einem Orgelkonzert geladen. Ich gehe nicht mit. Ziehe mich zurück. In das Zimmer. In die schützende Höhle. Muss für mich sein.

Bekomme nicht überein. Hier zu sein. Kann mich schlecht sortieren. Verorten. Schon gar nicht. Ich lege mich ins Bett. Mir laufen Tränen. Ich versuche zu schlafen. Es gelingt mir nicht.

Uli und Klara kommen. Holen mich zum Kaffee. Der offizielle Teil beginnt. Der offizielle Teil. Was ist das? Offiziell? Welche Rolle spiele ich? Soll ich einnehmen? Was steht im Programm? Kann mich nicht einfinden. In meine Rolle. Versuche es aber doch. Mein Herz schmerzt. Es gibt Kaffee. Kuchen. Worte. Auch für Josef.

Ein Bild von ihm wird aufgestellt. Mit einer Kerze. Als wäre er tot, denke ich. Schiebe den Gedanken beiseite. Schäme mich dafür. Sehe, sie wollen ihn dabei haben. Josef. Sehe es. Sehe. Es. Zu ihrem Geburtstag wünschen sie sich Spenden. Spenden für das Kinderhospiz. Wie schön. Wie schön.

Wir sitzen. Beisammen. Irgendwann reden wir. Über die Erzählungen. Über. Uns. Über. Josef. Wir erzählen von uns. Von. Uns. Von Josef. Langsam bewegen wir uns. Die Gespräche fließen. Werden flüssig. Weich.

Die Kaffeetafel wird abgeräumt. Spaziergänge. Schöne Begegnungen. In der Bewegung. Es tut gut zu laufen. Draußen zu sein. Und doch fühle ich mich verloren. Haltlos.

Abendessen. Sie geben sich viel Mühe. Freuen sich. Alle sind da. Feiern ihren Geburtstag. Ich schäme mich. Schäme mich. Weil ich nicht wirklich da bin. Mir schwer ist. Das Gefühl habe, es nicht würdigen zu können. Es gerade nicht kann. Keine Kraft dafür. Und doch bin ich da. Ohne Kraft.

Ich rufe im Kinderhospiz an. Frage. Die Schwester sagt, Josef ist stabil. Keine Krämpfe. Das Sekret läuft. Er ist entspannt. Gut, sage ich. Gut. Küsse, sage ich auch. Küsse. Ja, sagt sie. Ja.

Der Abend. Ein Vortrag. Bilder von der Familie. Auch von Klara. Josef. Lange Lebenswege in Bildern. Sorgsam ausgesucht. Wir sitzen lange. Gehen ab und zu in den Garten. Irgendwann gehen wir ins Bett. Mir laufen Tränen. Schlaf. Irgendwann. Schlaf.

Veröffentlicht am: 26.09.2019


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