426 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Mir ist schwindelig. Ich setze mich vor die Wanne. Einatmen und Ausatmen. Mir laufen Tränen. Ich stehe auf. Wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser.

Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Die Schwester steht an seinem Bett. Herzfrequenz 112. Sauerstoffsättigung 97.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Einatmen und Ausatmen. Manchmal ist es gut, dass fremde Menschen im Haus sind, denke ich. Dann muss ich funktionieren. In meine Funktionsrolle schlüpfen. Alles in mir zusammennehmen. Festhalten. Damit ich nicht auseinanderfalle.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Den Mie hält sie in ihrem Arm. Klara setzt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Uli kommt. Setzt sich zu ihr. Er sieht ruhig aus. Mein Uli. Strahlt Ruhe aus. Und doch. Weiß ich um die Unruhe in ihm.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef wird wach. Ich nehme ihn aus dem Bett. Küsse ihn. Halte ihn in meinem Arm. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Lege ihn mir über die Knie. Kuschel ihn ein. Helfe ihm mit meinen Händen beim Atmen. Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht.

Josef schlummert wieder ein. Ich küsse seinen Kopf. Streiche seine Rippenbögen entlang. Bin ganz bei ihm. Uli spült die Absaugbehälter aus. Packt Kisten. Im Wohnzimmer. Schiebt sie an die rechte Wand. Kiste um Kiste. Ich sitze mit Josef. Drehe ihn vorsichtig um. Sauge ihn ab. Küsse ihn. Ziehe Josef um. Ganz vorsichtig. Gebe ihm seinen Morgenbrei.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir kennen sie kaum. Sie ist eine Springerin. Sie ist nett. Es wird schon gehen, denke ich. Wir sind ja da. Lassen sie nicht allein. Mit Josef. Ich erzähle ihr. Von Josef. Was er braucht. Gerade. Auf was sie achten muss. Sie wirkt erfahren. Josef, mein Josef.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Die Logopädin. Ich freue mich. Freue mich vor und zurück. Sie legt sich alles zurecht. Nimmt Josef in den Arm. Wie groß er doch geworden ist. Vor einem Jahr. Da passte er noch auf ihre Knie. Und nun. Nun liegt Josef in ihrem Arm. Hat Locken. Lange Wimpern.

Sie begrüßt Josef. Mit ihren Worten und Berührungen. Streicht mit ihren Händen über seine Füße. Beine. Arme. Hände. Arbeitet sich zum Gesicht und Mund vor. Ich hole ein Eiswattestäbchen aus der Küche. Die Logopädin streicht damit über die Wange von Josef. Er reagiert nicht. Josef, mein Josef. Du musst nicht. Gar nichts musst du. Mein Josef. Ich küsse ihn. Nehme ihn. Verabschiede die Logopädin. Umarme sie.

Uli packt Kisten. Kiste um Kiste. Schiebt sie an die Wand. Baut Regale ab. Ich gebe Josef der Schwester. Sie nimmt ihn in den Arm. Ich packe Kisten. Kiste um Kiste. Es tut gut. Das Packen. Das Leben in Kisten packen. Kiste um Kiste.

Josef schläft ein. Die Schwester legt ihn ins Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95. Uli geht los. Los in den Hort. Klara abholen. Ich koche Tee. Kaffee. Kakao.

Um 15.00 Uhr klingelt es. Die Familienbegleitung. Wenig später kommen Uli und Klara. Wir sitzen zusammen. Kurz. Erzählen. Dann zieht Klara die Familienbegleitung in ihr Zimmer. Ich höre es lachen. Es ist laut. Wie gut, denke ich. Wie gut und schön. Das Laute im Leisen, denke ich. Das Laute im Leisen. Einatmen und Ausatmen.

Josef ist wieder wach. Hat nur kurz geschlafen. Er findet nicht zur Ruhe. Unser Josef. Heute. Bahnt sich eine Krise an? Ich schiebe ihn weg. Den Gedanken. Bitte keine Krise herbeidenken, Anne, sage ich mir. Wie ein inneres Mantra. Keine Krise herbeidenken. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ist bei ihm. Nimmt ihn ernst. Unseren Josef.

Um 18.00 Uhr verabschieden wir sie. Die Familienbegleitung auch. Zusammen essen wir Abendbrot. Ich gebe Josef seinen Brei. Halte ihn. Küsse ihn. Rede ihm zu. Streichele ihm über seinen Lockenkopf.

Wir schauen Kinderfernsehen. Im Schlafzimmer. Liegen alle auf unserem Bett. Das ist schön. Ein schöner Nebeneffekt von einem Umzug, denke ich. Josef schläft auf mir ein. Wir atmen zusammen. Josef entspannt sich. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Kommt zu uns.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Er schläft. Tief und fest. Lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 94. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Erschöpft.

Veröffentlicht am: 29. 01. 2019

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