645 | Um 6.40 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 6.40 Uhr bin ich wach. Klara schläft neben mir. Ich streiche ihr über ihre Haare. Wie friedlich sie schläft. Meine Klara. Die Katze liegt auf Ulis Sachen.

Ich stehe auf. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Heute ist Einschulung. Die Sporthalle wird aufgeschlossen. Menschen kommen. Tragen Stühle hinein.

Ich schließe die Balkontür. Gehe mit meinem Kaffee in Josefs Zimmer. Streiche über sein Bett. Setze mich auf das Sofa. Schaue auf unseren Hof.

Bald kommt Josef nach Hause, denke ich. Bin ganz erfüllt von dem Gedanken. Bald kommt Josef nach Hause. Ein Ziel. Es tut mir gut, daran festzuhalten. An dem Ziel, dass Josef bald nach Hause kommt. Zu uns.

Uli kommt. Setzt sich zu mir. Sagt, es war schön gestern. Ja, sage ich. Ja. Es war schön auf dem Fest. Traurig auch. Vor einem Jahr schwebte Josef noch nicht. Noch nicht so. Und nun. Nun schwebt Josef. Kaum greifbar. Noch.

Uli streicht mir über den Rücken. Wir gehen in die Wohnküche. Klara fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist ja Wochenende.

Der Schulhof füllt sich. Mit den Kindern. Eltern. Alles sind schick angezogen. Lehrer sind da. Alle strömen in die Sporthalle. Es ist laut. Eine Ansprache der Direktorin. Wir verstehen jedes Wort.

Mein Herz. Meine Erinnerung. Vor zwei Jahren. Vor zwei Jahren wurde Klara eingeschult. Josef in meinem Bauch. Ich habe geweint. Damals. War so bewegt. Klara nun ein Schulkind und bald eine große Schwester. Wie bewegt ich war. Wie bedeutsam. Diese Einschulung. Einatmen und Ausatmen.

Wir frühstücken. Gehen los. Ins Kinderhospiz. Josef sitzt im Therapiestuhl. Seine Augen sind halb offen. Oder geschlossen. Sie senken und öffnen sich ganz leicht. Erzittert etwas. Bebt. Ganz leicht. Ein Krampf. Ein leichter Krampf.

Ich küsse Josef. Lege meine Hand sanft auf seinen Kopf. Seine schönen Locken. Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Fragen die Schwester nach der Nacht. Gegen vier Uhr, sagt sie, hatte Josef einen Krampf. Die Sauerstoffsättigung ging runter. Er erholte sich. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay.

Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Gäste sind da. Pfleger. Schwester. Mehr Eltern. Ehrenamtliche habe das Frühstück gemacht. Es gibt Obstsalat. Rührei. Meine Gedanken wandern. Ich fühle mich wie in Watte. Hin und her gerissen zwischen den Welten.

Dem Davor. Vor der Geburt von Josef. Einschulung von Klara. Unsere Wünsche und Hoffnungen.

Und dem Danach. Alles ganz anders. Einatmen und Ausatmen. Josef, mein Josef. Ich nehme ihn aus dem Therapiestuhl. Halte Josef in meinem Arm. Küsse ihn. Verorten. Im Hier und Jetzt. Josef zu halten. Ihn zu spüren hilft mir. Mich halten im Hier. Mich nicht zu verlieren im Gestern und Morgen.

Nach dem Frühstück gehen wir spazieren. Mit Klara und Josef. Klara mit ihrem Fahrrad. Josef im Buggy. Meine Augen sind immer auf Josef gerichtet. Wir laufen. Und laufen. Machen eine Pause. Im Park.

Josef bekommt seinen Mittagsbrei. Tee. Medikamente. Klara ein Eis. Dann gehen wir nach Hause. Josef auf seinem Lagerungskissen. Malta.

Es klingelt. Die Familienbegleitung. Ich freue mich sehr. Wir erzählen. Lachen. Wissen nicht warum. Lachen, weil es dran ist. Auch mal das Lachen. Klara und die Familienbegleitung gehen auf den Hof. Malen ein riesiges Bild. Mit Straßenkreide. Es ist bunt. Hell. Schön.

Josef, mein Josef. Er schwebt. Liegt auf seinem Kissen. Wird inhaliert. Abgesaugt. Geküsst. Umgelagert. Bekommt Tee. Medikamente.

Zusammen essen wir Abendbrot. Mit der Familienbegleiterin. Sie erzählt von fernen Ländern. Von den Reisen im letzten Jahr. Es ist schön. Märchenhaft. Fühlt sich an, als werden wir so etwas nie erleben. Als hat es nichts zu tun. Mit uns.

Und doch ist es verzaubernd. Den Beschreibungen von Landschaften. Gerüchen und Farben zuzuhören. Wir lassen uns mitnehmen. Fernab von unserer Realität.

Josef bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Die Familienbegleitung verabschiedet sich. Ich bin ihr dankbar für diesen Nachmittag.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Inhalation. Absaugen. Er schwebt und schwebt. Ist nicht wach. An diesem Tag. Ich küsse und halte ihn. Wir schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett.

Wir tragen Josef ins Kinderhospiz. Ich lege ihn in sein Bett. Küsse ihn. Ein Unterhemd von mir lege ich dazu. Uli gibt der Schwester Bescheid.

Dann gehen wir. Nach Hause. Das Hörspiel ist an. Klara schläft schon. Wir setzen uns in die Wohnküche. Sind still. Schauen fern. Gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 05.09.2019


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