Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Es ist Sonntag. Ich pumpe Milch ab. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft noch. Es ist ja Sonntag.

Ich gehe in die Küche. Stelle die leeren Milchflaschen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Ich setze Wasser für den Kaffee und Tee auf. Auf dem Herd steht ein Topf. Habe ich den dorthin gestellt?

Ich gehe zu Josef. Frage die Schwester nach der Nacht. Die Nacht war ruhig. Kurz vor Mitternacht hatte sich nur etwas Sekret verlegt. Seine Ausatmung war verlängert. Nach dem Umlagern und Absaugen war seine Atmung wieder gleichmäßig. Gut, sage ich.

Frage nach dem Topf auf unserem Herd. Sie sagt, sie hat damit die Maske der Inhalette sterilisiert. Ich sage, ah. Dann sage ich, Sie brauchen es nicht machen, das machen wir. Sie wollte nur helfen, sagt sie. Ich weiß, sage ich. Schon gut.

Josef wird wach. Seine Atmung hört sich anstrengender an. Ich nehme Josef aus seinem Bett. Inhaliere ihn. Die Schwester verabschiedet sich. Ich wünsche ihr einen guten Schlaf und einen schönen Sonntag. Bis heute Abend.

Uli kommt zu uns. Bringt mir eine Tasse Kaffee. Klara schaut Kinderfernsehen. Eingekuschelt in unserem Bett. Ich sauge Josef ab. Küsse ihn. Halte seinen Kopf in meinen Händen. Wir sind ganz ruhig heute. Haben nicht viele Worte heute Morgen. Nur Gedanken in unseren Köpfen. Dafür noch keine Worte für den Anderen.

Wir frühstücken. Die Sonne scheint. Ein Märzsonntagmorgen. Im Rhythmus inhalieren wir Josef, saugen ihn ab, geben ihm seine Milch, pumpe ich Milch ab. Der vorgegebene Rhythmus gibt uns Halt. Irgendwie. Orientierung.

Am Nachmittag ziehen wir uns an. Ziehen Josef an. Nehmen die Absauge. Gehen spazieren. Uli schiebt den Kinderwagen. Ich trage Josef im Tragetuch. Ganz dicht an meinem Herzen. Klara fährt mit dem Fahrrad. Wir gehen den Feldweg entlang. Wir kommen in Bewegung. Nun fließen auch die Gedanken in Worte gepackt aus uns heraus.

Das Kinderhospiz ist ein guter Ort, sage ich. Ich habe ein gutes Gefühl. Uli sagt, ja. Sie wirkten dort nicht erschrocken. Erschrocken über das was Josef alles nicht kann. Ja, sage ich. Ja. Unerschrocken. Das ist gut, wenn sie sich nicht erschrecken, sondern sich einlassen auf Josef. Und auf uns, sagt Uli. Ja, auch auf uns.

Josef an meiner Brust wird unruhig. Ich nehme ihn aus dem Tragetuch. Uli saugt ihn vorsichtig ab. Vorher schauen wir verstohlen, ob jemand in der Nähe ist. Nein, kein Mensch da. Sind wohl alle in ihren Gärten. Gut für uns. Zuhause fühle ich mich leichter. Irgendwie.

Ich inhaliere Josef. Klara bereitet ihre Schulsachen vor. Uli bereitet das Abendbrot vor. Zusammen essen wir. Schauen Kinderfernsehen. Ich schreibe meiner Schwester eine Mail. Geburtstag hatte sie. Gestern. Ich habe es vergessen. Ich vergesse so viel. Mein Kopf hat nicht mehr so viel Platz für alles. Ich hoffe, sie sieht es mir nach.

Uli hält Josef im Arm und liest Klara vor. Macht ihr das Hörspiel an. Kommt wieder zu mir ins Wohnzimmer. Ein ruhiger Tag heute. Ich nehme Josef und lege ihn auf meine Brust. Er wird unruhig und ich lege ihn auf meine Knie. So ist es besser.

Um 21.00 Uhr klingelt es. Der Pfleger. Wir geben ihm Josef. Ein ruhiger Tag heute, sage ich. Ich versuche mich nicht zu wundern. Die Schwester steht eigentlich auf dem Dienstplan. Ich bin froh, dass überhaupt jemand da ist. Gute Nacht, mein Josef. Schlaf gut.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Bringe sie in die Küche. Stelle sie in den Kühlschrank. Gehe zu Josef. Er schläft in seinem Bett. Seine Atmung ist kaum zu hören. Alles gut? Ja.