Ich bin wach. Schon lange.

, Zu Hause 2

Ich bin wach. Schon lange. Klara schläft neben mir. Mir laufen Tränen. Leise Tränen. Möchte sie nicht wecken. Meine Klara. Mein übrig gebliebenes Kind.

Sie ist ganz eingekuschelt. Ihre Haare liegen wild auf den Kissen. Sie atmet. Gleichmäßig. Ich kann es nicht hören. Weiß darum. Weiß. Sie atmet. So selbstverständlich. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Uli liegt mit seinem Kopf zum Fenster. Ist er wach?

Ich stehe auf. Die Türen sind offen. Alle Türen stehen auf. Kein Knarren mehr. Kein Klingeln. Kein Piepen. Kein Rauschen. Mehr. Kein Brummen. Keine fremden Menschen. Mehr. Kein Josef. Mehr. Josef, mein Josef.

Oder doch? Wo bist du? Bist du da? Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich fühle nach Josefs Mütze. Seiner Socke. Ich trage sie an meiner Brust. Tag und Nacht. Die Mütze hatte er auf. An dem Tag. Die Socke an. An dem Tag. Als er starb. Aufhörte zu atmen. Sein Herz aufhörte zu schlagen. Sein kleines Herz. Sein kleines Josefherz. Josef, mein Josef.

Ich gehe in die Wohnküche. Setzte Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Keine Kinder. Es ist Sonntag. Es ist still. Still. Still. Die Stille ist angenehm. Langsamkeit und Stille. Ich fühle mich außerhalb der Welt. Komme nicht mehr mit. Mit der Eile. Wo wollen sie denn hin? Die Menschen. Wohin eilen sie? Als würden sie aus ihrem Leben eilen. Nur nicht fühlen wollen, was jetzt ist. Nur nicht fühlen. Einatmen und Ausatmen.

Uli kommt. Sagt, komm rein, Anne. Es ist kalt. Gut, sage ich. Gut. Hab sie nicht gespürt, die Kälte. Nicht gespürt. Was spüre ich eigentlich? Alles hat sich verschoben in mir. Meine Gefühle. Meine Bedürfnisse. Ich schwebe. Josef, mein Josef. So fühlt es sich also an. Das Schweben.

Klara kommt. Möchte fernsehen. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Wochenende. Ich bringe ihr einen Kakao. Lege mich kurz zu ihr. Küsse sie auf ihren Kopf. Lasse sie dann wieder in Ruhe, meine Klara. Braucht doch ihren Raum. Was soll sie denn anfangen mit meiner überbordenden Liebe, meine Klara.

Uli geht los. Brötchen holen. Ich decke den Tisch. Weiß, ich muss essen. Die Hauswirtschaftsfrau hat doch gesagt, Josef möchte, dass ihr esst. Deshalb. Essen und Trinken. Wie. Einatmen und Ausatmen. Wir frühstücken.

Auf der Brötchentüte steht: „Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Mir ist schlecht. Schreien möchte ich. Die Tüte zerreißen. In mir geht alles durcheinander. Alle Gefühle. Schmerz. Wut. Wut. Auf all die Sprüche. Weisheiten. Welch ein Hohn, denke ich. Fühle ich. Welch ein Hohn. Einatmen und Ausatmen.

Ich versuche, zu essen. Dennoch. Muss ja. Für Klara. Für Uli. Für mich. Für Josef. Für Josef auch. Für Josef auch. Ich fühle nach seiner Socke. Seiner Mütze. Beruhige mich. Langsam. Weiß ja. Ich bin nicht gemeint. Mit diesem Spruch. Wir sind nicht gemeint. Dennoch. Schmerzt es. Schmerzt alles, was nicht so gemeint ist. Keine Kapazitäten in mir. Für Nachsicht. Verständnis. Liege da. Ganz nackt. Durchlässig. Verletzlich.

Wir gehen spazieren. Nach dem Frühstück. Laufen mit Klara. Laufen und laufen. Im Laufen beruhigen. Wir gehen auf den Rückweg ins Kinderhospiz. Ein sicherer Ort. Immer noch. Die Geschwisterkinder sind da. Heute ist Halloween. Sie wollen sich verkleiden. Süßigkeiten einsammeln. Süßes oder Saures rufen. Klara verschwindet mit ihnen. In der Elternwohnung.

Wir setzen uns in den Gemeinschaftsraum. Erzählen mit anderen Eltern. Der Hauswirtschaftsfrau. Trinken Kaffee. Ich fühle mich sicher. Aufgehoben. Geschützt. Schwestern und Pfleger kommen vorbei. Wir erzählen kurz. Lachen. Ein wenig.

Gäste kommen. Wir kennen sie. Ich freue mich, sie zu sehen. Berührungen. Ganz sanft. Monitore, die piepen. Absaugen rauschen. Es stört mich nicht. Schmerzt nicht. Es ist gut. Gut so. Für mich. Vertraut.

Es wird dunkel. Die Kinder. Verkleidet. Sie sehen gruselig aus. Wir erzählen vom letzten Jahr. Als sich die Palliativärztin erschreckt hat, wegen dem vielen Kunstblut. Wir lachen. Und dann. Schmerzt es. Plötzlich. Tränen. Fließen. Einfach so.

Wir gehen los. Ziehen um die Häuser. Die Kinder klingeln. Wir warten vor den Türen. Andere Kinder begegnen uns. Verkleidet. Wie gut das ist. So eine Verkleidung. Denke ich. Ein Mantel. Wie gut. Nach zwei Stunden gehen wir wieder ins Kinderhospiz. Die Süßigkeiten werden aufgeteilt. Ganz gerecht.

Dann. Gehen wir nach Hause. Essen Brot. Schauen Kinderfernsehen. Klara liest uns vor. Uli macht ihr das Hörspiel an. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 31.10.2019


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